Nichts für schwache Nerven

Kaum eine Stadt polarisiert so sehr wie Varanasi. Die einen lieben sie, andere hassen sie. Sie ist eine der ältesten Städte Indiens und zweifellos ein höchst spiritueller Ort für Hindus. So sind zahlreiche steinerne Treppenstufen entlang des Ganges, die Ghats, Schauplatz unglaublicher Vorkommnisse. “Varanasi ist die Stadt Shivas, eine Stadt der Kunst!”, erklärt uns ein Hippie im Wollponcho. “Ihr habt Glück, ihr tüpft gerade das grosse Shiva Festival Maha Shivratri!” Bitte was? Perfekts Timing! 

Übermütig tauchen wir in das enge Gassen-Labyrinth ein, welches Old Delhi in nichts nachsteht. Nur hat es hier mehr Kühe. Und andere Kuriositäten. Und kranke Menschen. Und Flüssigkeiten. Eimal meh bini froh um mini Sneakers. Es wird verkauft, gebetet und meditiert. Man dekoriert Shiva Figuren und Lingams mit Blumen, Schmuck und Glitzer. Jawohl, der Lingam, ein Stein in Penisform, ist ein Symbol Shivas und omnipräsent. Ab und zu passiert man einen Guru im Schneidersitz, der eine Kobra heraufbeschwört. Min Horror. An jeder Ecke verzaubern Künstler mit Musik und manch einer wird beim Lauschen der ausserirdischen Klänge gar in Trance versetzt. Plötzlich finden wir uns inmitten wildtanzender Inder wieder. Eine ausser Rand und Band geratene Parade zieht zu Ehren Shiva’s mit dekorierten und bemalten Elefanten durch die Stadt. Begleitet von dröhnendem Bollywood-Techno. Nüt fürs Trommelfell.

Und nicht zu vergessen: Bhang Lassi. An jeder Ecke fliessen raue Mengen des giftgrünen Gesöffs mit Mandeln und – hört hört – Marihuana. Shiva ist schliesslich auch der Gott des Ganja. Vom zwölfjährigen Bub bis zum achtzigjährigen Opa trinkt jeder mit. Völlig legal imfall. 

Aber Varanasi eilt ein ganz anderer Ruf voraus. Kurz und schmerzlos gesagt: Hier hin kommt man, um zu sterben. Jawohl, richtig gläse. In Varanasi bestattet zu werden, ist für Hindus der einzige Weg, um aus dem Prozess der Reinkarnation auszubrechen. Asouf direktem Weg is Nirwana. Weshalb wir plötzlich so vielen Kranken begegnen, ist jetzt auch klar. Nebst dem üblichen Reizüberfluss sind diese Anblicke nicht immer einfach zu verdauen. Noch viel verrückter sind aber die allgegenwärtigen Bestattungsprozesse: Leicht bedeckt werden Verstorbene, begleitet von einem musikalischen Trauerzug und den männlichen Familienangehörigen, auf Baren durch die Gassen getragen. Da hani doch es paarmal leer gschluckt. Am Bestattungs-Ghat werden sie öffentlich verbrannt. Man will nicht hinschauen, kann aber irgendwie auch nicht wegschauen. Ein Teil der Asche wird am Ende der Zeremonie in den Ganges gestreut. Dort, wo wenige Meter flussabwärts Tausende ein „von Sünden reinigendes Bad“ nehmen. Und nein, ich habe mich nicht in die braune Suppe getraut. So viel Abentüürgeischt han selbst ich nöd.Nur zwei unserer Jungs haben sich das heilige Bad gegönnt. Man munkelt, dass sie daher anschliessend mit Flüssigkeitsverlusten in beiden Richtungen zu kämpfen hatten.

Völlig duregnudlet sassen wir 48 Stunden später im Nachtzug nach Rajasthan. Was zur Hölle haben wir da gerade erlebt?! Nur die Flasche Bhang Lassi zwischen unseren Fingern zeugte davon, dass wir uns das alles nicht eingebildet haben. Weshalb Varanasi polarisiert, ist nun jedem klar. Und ich für min Teil weiss jetzt, wo ich hi gahn, falls es mir us unbekannte Gründ doch no vor me nächste Läbe als Ameisi fürchtet.

Hier geht was: Tagsüber nimmt man am Dashashwamedh Ghat ein “reinigendes” Bad, wo abends Tausende den Tänzen, Klängen und Feuershows der Zeremonie zu Ehren des Ganges lauschen.

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