Auf Stadtführung in Cordoba

Es geht zurück nach Argentinien. Was für ein grosses Land! Eigentlich will ich ja nach Santiago de Chile, aber das liegt gefühlt Lichtjahre entfernt. Darum mache ich glatt den Weg zum Ziel und stoppe unterwegs. Im komfortablen Nachtbus ab Montevideo heisst’s 15 Stunden später: Erster Halt, Cordoba!

Neue Städte, oder Städte ganz allgemein, sind für mich an Tag Eins meist ein bisschen „mähh“. Ich bin müde und alles ist zu laut. Überall hats zu viele Leute und ich bin noch etwas planlos unterwegs. Retter in der Not sind die „Free Walking Tours“. Gut gibts die geführten Stadtbesichtigungen in fast allen grösseren Städten weltweit! Man kriegt eine Orientierungshilfe und trifft auch noch spannende Menschen. Von Backpackern, rüstigen Rentnern bis zu Business-Reisenden mit Freizeit sind alle dabei. Besonders toll: Geführt wird man meist von einheimischen Studenten. Komplett „free“, also gratis, sind die Touren aber nicht: Du bezahlst in Form einer freiwilligen Spende. Quasi was äs dir Wert isch. Deshalb geben sich manche Guides wirklich wahnsinnig viel Mühe. Nebst den klassischen und historischen Facts ist es keine Seltenheit, dass man ganz persönliche Tipps zu Lieblingsorten kriegt. Die einen werden sogar kreativ, so lerne ich in Cordoba in aller Öffentlichkeit den lokalen Cuarteto-Tanz. Vortanzen inklusive. Jap, was mer nöd alles macht.

Doch auch historisches geht mal wieder unter die Haut. So erlebte Argentinien in den 1970er Jahren eine grausame Militärdiktatur. Damals verschleppte das Militärregime Menschen, darunter schwangere Frauen oder Familien mit Kindern. Die Eltern wurden ermordet, die Kinder an kinderlose Offiziere oder Menschen mit Einfluss „abgegeben“. Wahnsinn. Wahnsinn ist aber auch, was die hinterbliebenen Grossmütter daraufhin ablieferten. Wöchentlich versammelten sie sich – ein weisses Kopftuch tragend – in der Öffentlichkeit: Einerseits zum Protest, andererseits um Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder zu zeigen. Daraus entwickelte sich eine Organisation, die sich bis heute darum kümmert, adoptierten Menschen ihre wahre Identität zurückzugeben.

Aber zurück zu Cordoba. Hier gibts saftiggrüne Parks, jede Menge Kirchen und Kathedralen, ein stillgelegtes (Geister-)Riesenrad und junges Flair dank den vielen Studenten, die die hiesigen Universitäten besuchen. Vor allem das Quartier „Bohemia“ besticht mit besonderem Charme. So zieht der Flohmarkt am Wochenende halb Cordoba an. Uralter Plunder und selbstgemachter Krimskrams sind hoch im Kurs. Anschliessend verteilt sich die Menschenmenge in den vielen Galerias: Das sind halbwegs versteckte Innenhöfe alter Gebäude, die zu verwinkelten Restaurants, Bars, Kaffees und Shops umfunktioniert wurden. Teils modern, teils baufällig, aber allesamt Treffpunkt für die Nachtliechtli Cordobas. Geschlafen wird in Cordoba nämlich kaum, aber das chani ja dänn im nöchstä Nachtbus wieder.

Ein Mahnmal: Bis heute findet man das Kopftuch der „Madres de Plaza de Mayo“ in den argentinischen Städten. Dort, wo sie einst protestierten und nach ihren Enkeln suchten.

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