Auf unverzichtbarer Geschichtsexkursion

Phnom Penh? Eigentlich habe ich so gar keine Lust auf eine weitere chaotische, laute Grossstadt. Doch das ändert sich zackig. Im Bus schaue ich den Film „First they killed my father“ und mir wird klar, dass die Stadt wohl eine der wichtigsten Stationen in Kambodscha ist. Der Geschichte wegen. Achtung, hüt gits echli schweri Choscht. In den Siebzigerjahren herrschte in Kambodscha nämlich ein blutiger Bürgerkrieg. Manch einer erinnert sich gar an die Khmer Rouge. Rouge (rot) steht für den Kommunismus. Khmer ist bis heute die Bezeichnung für die Bewohner, Sprache und Schrift Kambodschas. Es passierte damals, was uns aus dem 2. Weltkrieg bekannt vorkommt. Menschen wurden in knochenharte Arbeitslager verschleppt. Gebildete, wie Lehrer, hatten es besonders schwer. Ebenso Staatsangestellte oder – oh, oh – Brillenträger. Mitsamt ihren Familien. Unter dem Anführer Pol Pot wurden über 20% der Bevölkerung ermordet.

Erschreckend informativ und haarsträubend bis ans Äusserste ist das Genozidmuseum Tuol Sleng in der Innenstadt Phnom Penhs. Die High School wurde anno dazumal zum geheimen Kriegsgefängnis umfunktioniert. Um die 20’000 Menschen folterte man so lange, bis sie erfundene Kriegsverbrechen oder die Zugehörigkeit zur CIA „gestanden“. Doch das Tuol Sleng bedeutete sowieso Endstation: Abgesehen von zwölf Überlebenden wurden alle Insassen hingerichtet. Eine Audiotour führt durch Räume, wo Folterbetten mit „Festschnall“-Eisenketten noch an Ort und Stelle stehen. Spuren von Blutflecken inklusive. Portraits von Insassen reihen sich aneinander. Teils anonym, teils mit persönlichen Geschichten der Opfer. Nach dem tausendsten Gesicht, das mir mit Gefängniskartei und leerem Blick in die Augen starrt, ist mir nur noch schlecht.

Oft läufts mir eiskalt den Rücken runter, wenn ich ältere Leute antreffe: Dem einen fehlt ein Bein, ein anderer ist von dicken Narben übersät. Da ratterts gleich wie wild: Landminen? Folter? Kopfkino. Die Spuren sind überall. Nach diesem Besuch sehe ich Land und Leute definitiv mit anderen Augen. Mehr Verständnis, warum Sachen vielleicht so sind, wie sie sind. Warum Dinge nicht immer funktionieren, wie wir uns das manchmal halt so vorstellen. Auch der Gedanke, dass praktisch eine Generation an Lehrern eliminiert wurde, holt mich immer wieder ein. Wer unterrichtete die Kinder nach dem Krieg? Und wenn das Gedankenkarussell mal startet, kommt man fast nicht mehr raus.

Doch es ist wichtig, auf das Heute zu fokussieren. Apropos: Politik heute? Nun, dass der Premierminister einst zu den Khmer Rouge gehörte, hat an einigen Stammtischen unter Expats, Reisenden und Khmer für Diskussionen gesorgt. Ich erinnere mich an das Zitat „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt“ und hoffe mit ganzem Herzen, dass es nicht stimmt. So und ez fertig. Nächscht Wuche gitz wieder positiveri News!

Erhaltene Schätze: Oft wundern wir uns, dass die Khmer Rouge im Krieg keine Tempel beschädigt hat. Warum wohl? Sie waren stolz auf ihre Vergangenheit und wollten genau ein solches unabhängiges, florierendes Reich zurück.

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