Silber, Silber, Silber

Potosi’s Stadtkern empfängt uns mit farbigen Bauten im Kolonialstil. Alles fein säuberlich herausgeputzt. Nume für d’Touris? Nein, eher eine Zeitreise! Ein Blick in die Vergangenheit, in die Zeit von Reichtum und wirtschaftlichem Boom. Doch warum? Silber, Silber, Silber.

Die Spanier haben dieses im 16. Jahrhundert im Berg „Cerro Rico“ entdeckt und den Silberrausch ausgelöst. Der Start einer jahrhundertelangen, heute noch stattfindenden Ausbeutung. Silber und andere Edelmetalle werden nämlich nach wie vor abgebaut: Rund 7’900 Minenarbeiter arbeiten hier. Ich habe spontan entschieden, unter Führung eines Ex-Minenarbeiters an einer Tour in der Mine teilzunehmen. Im Nachhinein muss ich zugeben: Wiederholen würde ich es nicht. Das waren mit Abstand die längsten eineinhalb Stunden meines Lebens.

Ausgerüstet mit Getränken, Snacks und Dynamit gehts zur Mine. Den Dynamit zum Sprengen müssen die Arbeiter nämlich selbst kaufen. Sie leben mit ihren Familien direkt neben dem Tunneleingang. Ein scheinbar kleines Loch, das von alten Holzbalken gestützt wird. Genau so, wie man es aus alten Western-Filmen kennt. Da müend mir abechlättere!? Stirnlampe an und ab gehts in die Dunkelheit. Auf einer Leiter kraxle ich den engen Tunnel runter. Immer wieder können wir uns nur geduckt oder auf allen Vieren fortbewegen. Mir ist himmelelend. Über mir zig Tonnen Gestein. Was, wänn das alles zämekracht?! In die stützenden Holzpfosten hab ich wenig Vertrauen.

Unser Guide erzählt, wie er hier als 14-Jähriger arbeitete. So wie sein Vater und Grossvater. Eine Ausbildung hat hier keiner, ihr Wissen gibt die ältere Generation der Jungmannschaft. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter liege bei 45 Jahren. Lungenkrebs. Der Feinstaub ist aggressiv, doch von Filtermasken keine Spur. Die Männer glauben, dass das Kauen von Coca-Blättern als natürlicher Filter funktioniert. Ehm ja. Sie beten zudem aufrichtig zum El Tio, dem Gott der Unterwelt. Bitten ihn um Sicherheit und Schutz. Wir setzen uns neben eine solche El Tio Statue, die mit Zigaretten, Alkohol, Cocablättern oder Guetzli beschenkt wurde. Hier weist uns der Guide an, unsere Stirnlampen ausmachen. Gesagt, getan. Während einer Minute sitzen wir in der dunkelsten Dunkelheit, die ich je erlebt habe. Hunderte Meter in einem Berg drin. Mein Puls pocht mir in der Stirn, ich bin den Tränen nahe.

Zurück im Sonnenlicht atme ich zwar durch, doch der Nachgeschmack dieser Erfahrung sitzt mir lange in den Knochen. Denn die Minenarbeiter klettern nach wie vor tagtäglich da runter. Mein kurzer Einblick in ihr Leben steht in keinem Verhältnis zu ihrer Realität. Und wofür? Für Rohstoffe, die nach Asien exportiert und in Mikrochips für unsere Kameras, Handys, Laptops verarbeitet werden. Das Ganze widerspiegelt wiedermal unser System, die Ungleichheit und eine Wertschöpfungskette, die wir viel zu wenig hinterfragen.

Dünne Luft: Potosi liegt auf 4067 Metern über Meer und ist eine der höchstgelegenen Städte der Welt. Im Hintergrund thront der Berg „Cerro Rico“.

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