Überlebensmobile, ein Geisterdorf und Frostbeulen

Wo waren wir? Ach ja, beim nicht-vorhandenen Fährticket! Gut sind die Chilenen immer total entspannt: Sie setzen uns sponti auf die Warteliste. Am nächsten Morgen gehts ruckzuck: Reinfahren, millimetergenau parken und knappe fünf Stunden durch die chilenischen Fjorde brummen. Die Strecke gilt witzigerweise nach wie vor als Teil der Carretera Austral. Wir passieren saftig grüne Hügel, die noch immer an Norwegen erinnern. Mal liegt der Nebel tief, mal erspäht man einen Blick auf die umliegenden Berge oder einen Vulkan. Unter den Passagieren gehts zu und her wie bei Netznatur: Mit Feldstechern und den allergrössten Zoomobjektiven ausgerüstet wird wie verrückt nach Vögeln, Delfinen und Walen Ausschau gehalten. Gesichtet wird aber nix.

Bei mir sorgen sowieso vielmehr die Gefährte an Bord für Aufregung. Hier ist nämlich ganz Spannendes vertreten: Tonnenschwere Überlebens-Mobile mit zwei Meter hohen Pneus und Safari-Jeeps mit Schnorchel. Und en Unimog isch au debi! Ken Witz. Dazu gesellen sich noch ein paar schwerstbeladene Fahrräder. Äbefalls ken Witz. Die Carretera scheint bei Radfahrern eine beliebte Reisestrecke zu sein. Kann ich schon nachvollziehen, ist ja wirklich schön hier. Doch das Vergnügen müssen die sich echt abverdienen: Einerseits manövriert es sich auf diesen Kieswegen nicht gerade leicht. Andererseits wird man wirklich fast vom Wind weggeblasen oder von den lokalen Pistenrasern über den Haufen gefahren. Aber nur die Harten kommen in den Garten, gäll.

Langsam nähern wir uns dem heutigen Etappenziel Chaitén. Vor 11 Jahren ist hier der gleichnamige Vulkan Chaitén ausgebrochen. Manch einer warnte uns vor einem Geisterdorf: „Alles ist unter Asche begraben, keiner lebt mehr da!“ Tatsächlich war das nach dem Ausbruch der Fall, mittlerweile ist die Region um Chaitén aber wieder belebt: Die Natur blüht wie wild und ein Teil der Dorfbevölkerung ist zurückgekehrt. Eine Wanderung auf den noch stets brodelnden und dampfenden Vulkan darf hier natürlich nicht fehlen. Der aschige Untergrund sorgt zwar für einen heftigen Wadenspanner, aber es lohnt sich. Auch sonst bietet der umliegende Pumalin Nationalpark viele Routen für Wanderfreunde. Geschlafen wird aber etwas ausserhalb, direkt am nahezu menschenleeren Strand. Eine Mama verkauft selbstgebackenen Kuchen und Kaffee. Praktisch: Es hat sogar ein öffentliches, mehr oder weniger sauberes WC. Nur duschen müssen wir im glasklaren Bächli, das temperaturmässig direkt vom Gletscher kommt. Fazit: Nach 30 Sekunden spürt man die Kälte nicht mehr, weil so ziemlich alles eingefroren ist. Easy. Am Morgen weckt mich dafür das Wellenrauschen. En Traum! Beim Zmörgele (und beim harzigen Auftauen) sichten wir plötzlich Bewegung im Wasser. Tatsächlich: Etwa 100 Meter vom Strand hüpfen drei Delfine und 5 Robben aus dem Wasser. Was für en Morgegruess! Da vergesse ich prompt alle meine Frostbeulen.

Unfassbar: Dass hier vor elf Jahren alles unter Asche bedeckt war, ist heute kaum zu glauben. Nur der schwarze Lavastrand deutet auf den nahegelegenen Vulkan Chaitén hin.

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