Waden, Melonenhüte und Llamaföten

In La Paz sucht man Relikte der Kolonialzeit vergebens. Stattdessen überwiegen hier die Spuren der Aymara Kultur. Ich schlendere durch die Strassen und begegne zahlreichen Frauen, die im Alltag die traditionelle Aymara-Tracht tragen. Einen Melonen-Hut wie Charlie Chaplin, dicke Strümpfe und einen enggeschnürten, voluminösen Rock. Spannender Fakt? Der Rock reicht bis zu den Knöcheln, weil die Wade als attraktivster, weiblicher Körperteil gilt. Und das Schönheitsideal sieht so aus: Je grösser die Wade, desto besser. Dies zeuge von Stärke. Und stark, das sind diese Ladies garantiert. In selbstgemachten Körben und farbenfrohen Wickeltüchern tragen sie geballte Ladungen an Lebensmittel & Co. die steilen Strassen hoch und runter. Und nicht zu vergessen: Wir bewegen uns hier wieder in der dünnen Luft. La Paz liegt auf anstrengenden 3.640 M.ü.M. und El Alto, ein Stadtteil, gar auf über 4000 M.ü.M.!

Am besten nimmt man ein Gondeli, um entspannt in diese höheren Gefilde zu gelangen. Die Gondeln sind übrigens dem sonst sehr umstrittenen Präsidenten Herrn Morales zu verdanken. Immerhin ist das ein wirklich geglücktes Projekt, um den öffentlichen Personenverkehr in den sonst wahnsinnig verstopften Strassen von La Paz zu verbessern. Vorbildlich! Doch warum soll man genau nach El Alto? Nun, besonders sehenswert sind der Hexenmarkt sowie die „Feria 16 de Julio“. Am kilometerlangen Markt kann man praktisch alles kaufen: Von Schwarzmarktprodukten bis zu Körperteilen von Schaufensterpuppen, von Schweinen (lebend wie tot) bis zu Hühnerfüssen, von einer Tonne Ramsch bis hin zu Utensilien, die man effektiv gebrauchen kann – es ist alles dabei. Und die Hexenmärkte, nun, diä sind scho bitz gruslig. So kann man dort ohne Weiteres tote Llama-Föten, Skelette und Tinkturen shoppen. Solche Hexenmärkte besucht man besser mit dem notwendigen Respekt. Oder will öppä öpper verhäxt werdä?! Ja, man glaubt hier fest an Mythen, Sagen und Magie. Und natürlich auch an die Pachamama. Aber: Wofür sind ez gnau die Llama-Babies?

Einst opferte man vor dem Bau eines neuen Hauses stets ein (Menschen-)Baby. Ich schwanke zwischen Schaudern und Unglauben. Abei nei, alles ganz im Ernst! Und erstaunlicherweise werden bis heute ähnliche Zeremonien verfolgt, nur nimmt man dazu mittlerweile ein totes Llamababy. Immerhin! Zudem eines, das aus „natürlichen“ Gründen verstorben ist. Immerhin zum Zweiten! Dazu grad noch eine passende Anekdote: Aktuell baut La Paz ein neues Regierungsgebäude. Auf eine Opfergabe wurde im Konstruktionsprozess verzichtet. Und dann, für viele ganz unüberraschend, stürzte ein Arbeiter vom Hochhaus und verstarb. Die einen sind sich einig: „Pachamama hat hier ein Leben gefordert!“ Ich denke mir eher: „Kein Wunder, bei den fehlenden Sicherheitsstandards bei den hiesigen Bauprojekten.“ Aber hey, ich wills mer au nöd verscherze mit de Pachamama, also psst!

Weder Wandern, noch Skifahren: Hier dient die Gondel dem öffentlichen Personenverkehr. Ein innovativer Ansatz, um den vom Stau geprägten Strassen La Paz den Kampf anzusagen.

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