Werden wir gekidnappt?

Im Vorfeld jeder so: „Gönd nöd uf Flores, es isch voll langwilig det.“ Ach, das schauen wir uns lieber selbst an. Während drei Wochen gehts auf dem Landweg vom Ostzipfel quer Beet bis ans Westende der Insel. An Adrenalin fehlt es nie, denn wie so oft ist allein der Strassenverkehr ein Garant für Nervenkitzel.

Auf Flores sind kleine Bemo Büssli das bevorzugte öffentliche Transportmittel der Einheimischen. Oft in allen Neonfarben bemalt und mit grausiger Partymusik ausgestattet. Auch wir versuchen unser Glück! Am Strassenrand winken wir den Bemo ran, wie man das halt so macht. Dass es längst keinen freien Platz mehr hat, ist kein Problem: Man gibt uns farbige Plastikschämeli für Kinder und wir setzen uns damit auf den Boden. In der Kurve stets bemüht, nicht aus der inexistenten Türe gefegt zu werden. Sicherheitsstandards uf allerhöchstem Niveau. Im Abstand von 30 Minuten verlieren wir immer wieder Material, das auf unser Dach gebunden ist. Was runterfällt, wird anschliessend auf unsere Beine gepappt. Airbag und so.

Ein anderes Mal mieten wir zu sechst ein Auto mit Fahrer. Weshalb der Luxus? Der Fahrstil der Bemos ist berühmt dafür, dass es allen Passagieren schlecht wird. Da es für uns über einen ringgeliränggeli Pass geht, verzichte ich da gern drauf. Seelenruhig tuckern wir los, bis unser Fahrer nach etwa zehn Minuten mitten auf der Strasse stoppt. In einem Satz kommen aus allen Himmelsrichtungen Männer angerannt. Ich so: „Diä wänd sicher Riis verchaufe.“ Dann reisst ein Typ, Modell Riesenbär, die Fahrertüre auf. Unser Chauffeur steigt aus und der Bär steigt ein. Was gaht etz?! Was ist das für einer und wohin fährt der mit uns? Zwei weitere Männer deuten an, dass sie auch bei uns sitzen möchten. Wo denn gnau bitteschön? Ein Dritter will neben mir sitzen. Uf de Handbrems? Vo mir us, ich hock det sicher nöd. Fühlt sich an, als würde unser Schiff von Piraten geentert. Als er tatsächlich über mich rüber klettern will, wird mir das doch zu bunt.

Gekidnappt werden wir glücklicherweise nicht. Der Fahrer wechselt ein weiteres Mal. Dann versucht auch Typ Nummer Vier sein Glück, findet nun wirklich keinen Platz mehr in unserem Auto. Stattdessen schnallt er sich darauf. Genaugenommen dahinter. Er klemmt sich zwischen unser Gepäck an die Dachvorrichtung und klebt eine halbe Stunde lang an unserer Rückscheibe. Kän Witz! Das Teilen von Autos oder Büssli ist unter Locals und Touristen üblich. Doch über die Ansicht, obs denn noch Platz hat oder nicht, da scheiden sich die Geister. Ich glaube kurz, dass dies doch recht abenteuerliche Zustände sind. Isch ez de öppe gnueg für hüt. Bis ein Lastwagen vor uns ranfährt, auf dessen offenen Ladefläche etwa 30 Menschen sitzen. Eine junge Dame dreht sich mit bleichem Gesicht zu uns und kötzelt in hohem Bogen in Richtung unserer Windschutzscheibe. Mich verbäsets. Hät öpper gseit es sig langwiilig do?

Feierabend: Die Reisbauern warten nach getaner Arbeit auf den Lastwagen, der zurück ins Dorf fährt. Doch anstatt gleich davon zu brausen, kommt der Fahrer mit
Reis und Getränken, man isst gemeinsam z’Nacht und bestaunt den Sonnenuntergang.

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