Gedanken zum Volunteering in Peru und COVID 19

Wie viele von euch wissen, habe ich im letzten Jahr fünf Monate in Peru verbracht und für eine britisch-peruanische NGO gearbeitet. Einen Tag pro Woche unterrichtete ich in einer kleinen lokalen Primarschule Englisch, die übrigen vier Tage arbeitete ich im Büro der NGO.

Freiwilligenarbeit ist kontrovers – das ist ein grosses Thema. Kritiken wie moderner Kolonialismus, white saviour complex oder Voluntourism sind nicht unberechtigt und auch ich habe mir dazu meine Gedanken gemacht. Im Falle von meinem Arbeitseinsatz konnte und kann ich aber hinter dem Projekt HELP English stehen, weil hier ganz konkreter Bedarf seitens der Schulen an die NGO geäussert wurde. Der peruanische Schulplan sieht Englischunterricht nämlich als Pflichtfach vor, die Regierung kann aber – vor allem in diesen kleinsten öffentlichen Schulen in ländlichen Regionen – oftmals keine Lehrerinnen und Lehrer mit Englischkenntnissen stellen. Deshalb springen wir ein.

Dank einem strukturierten Lehrplan weiss ich jede Woche, was ich unterrichten werde. Jede Klasse hat ein eigenes Schulbuch mit verschiedenen Themen. Gestartet wird mit Buchstaben, der Aussprache von Wortlauten bis hin zu Grammatik, Zeitformen und Satzbildung. Klingt alles einfacher, als es eigentlich ist. So eine Schulzimmer-Situation ist in meinem Fall nämlich deutlich anders, als ich diese aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung habe. Von Disziplin, stillsitzen, zuhören oder konzentrieren keine Spur. Es ist so chaotisch, wie es nur geht. Oder isch das bi eus au so gsi?! Dabei hilft es wenig, dass wir zwischen 25 und 30 Kinder in einem Raum unterrichten, unter denen alle Fähigkeitsstufen vertreten sind.  In der hintersten Reihe sitzen sechs Kids mit starken Lernschwächen (bspw. in der zweiten Primarklasse noch keine motorischen Fähigkeiten, um den Farbstift korrekt zu halten und ein Bild auszumalen…) und vorne die ganz gerissenen, die auf jede Frage gleich die Antwort kennen und sie ungefragt rausposaunen. Kein Kommentar zu dieser Sitzordnung, meiner Meinung nach hilft diese nämlich niemandem…

Und ja: Einmal Englischunterricht pro Woche, das ist ein bisschen ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn ich ehrlich bin. Denn es ist nicht so, dass die Kids Hausaufgaben machen. Dass sie sich an gelerntes erinnern, ist eine riesige Hürde, die ich wahnsinnig unterschätzt habe. Selbst bei den Sechstklässlern können wir heute eine Aufgabe machen und ich denke “Mol, die händs checkt”. Und eine Woche später, hat keiner der Kids jemals was davon gehört und alle schauen mich nur mit grossen fragenden Augen an. Da hintersinnä ich mich scho, wie nachhaltig der Unterricht denn genau ist und was man hier verbessern muss / kann / soll… Am überraschendsten waren dann hingegen die Kindergärtler, die ja wirklich teils noch die winzigsten Knöpfe sind, aber ein super Erinnerungsvermögen haben. Sie erinnern sich jede Woche an alle Farben, viele Tiere und sogar die Zahlen. In Spanisch und Englisch!

Was mich vor allem jetzt, zu Zeiten von COVID19-bedingten Schulschliessungen beschäftigt, ist die Tatsache, dass viele dieser Kids in der Schule nicht nur lernen, sondern auch frühstücken und “beschäftigt werden”. Obwohl es mich beim täglichen Frühstück von O-Saft aus der Packung, einem Ei (ebenfalls in Plastik verpackt…) und einem Brötli ab und zu an die Grenzen brachte, wenn ein Ei durch’s Schulzimmer flog oder ich nach einer Umarmung zerkaute Ei-Resten in meinen Haaren fand, ist diese Mahlzeit extrem wichtig für die Schüler. Oftmals deckt dieses Frühstück einen relevanten Tagesbedarf an Kalorien, Vitaminen und Proteinen der Schüler ab.

Zudem sind viele Eltern nicht in der Lage, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Selbst unter “normalen Umständen” sind sie oft gezwungen, ihre Kids mit 12-14 Jahren aus der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu schicken, damit die Familie über die Runden kommt. In Momenten wie jetzt? Ich wett nöd dra dänke… In einem reichen, sozialen Staat wie der Schweiz zu leben, das ist das eine. Ja, hier werden milliardenschwere Hilfspakete geschnürt und der Wirtschaft sowie der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. In einem Entwicklungsland als Teil einer von Armut betroffenen Bevölkerung zu leben, ist etwas ganz anderes. Auch wenn mir die Massnahmen hier in der Schweiz vor wenigen Wochen noch “unverhältnismässig” vorkamen, hat sich das inzwischen geändert. Zu sehen, wie bei uns und in Nachbarländern gekämpft wird, lässt mich nur mit Grauen daran denken, wie das die Entwicklungsländer in Asien und Südamerika treffen könnte/wird. 

Ein anderes Projekt der NGO in Huanchaco war zudem die Skate-Ramp. Sie wurde in einer Nachbarschaft gebaut, wo den Haushalten bis heute kein fliessendes Trinkwasser zur Verfügung steht, weil die Umsiedlung nach der Wetterkatastrophe El Nino nie korrekt stattgefunden hat. Warum dort? Weil es da gar keine Infrastruktur für Kinder und Jugendliche gibt. Somit haben die Kinder einen Ort, wo sie betreut Zeit verbringen können. Wo sie etwas lernen und kreativ sein können, sich bewegen und Spass haben können. Und das, während ihre Eltern die Zeit nutzen, einer Arbeit nachzugehen und Geld zu verdienen. Eine Art Kinderhort für alle Altersklassen. Nicht immer einfach, ein paar Pubertierende in die Schranken zu weisen, sie an die Helmtragepflicht beim Skaten zu erinnern und gleichzeitig Kleinkinder, die gerade knapp laufen gelernt haben, im Auge zu behalten.  

Das sind Projekte, hinter denen ich durchaus stehen kann und die bei der NGO auch wirklich gut funktionieren. Es gibt noch weitere Projekte, die ich ebenfalls gut finde, oftmals aber betreffend ihrer Nachhaltigkeit oder dem Empowerment-Faktor hinterfrage. Eine NGO sollte ja eigentlich etwas temporäres sein. Eine Institution, die während einer “Krise” etwas aufbaut, dann für das Empowerment der Community aufkommt und am Schluss die Verantwortung abgibt und sich zurückzieht. Wie das aussehen könnte? Zum Beispiel, dass auch die Lehrer unterricht erhalten und dann später selbst Englisch unterrichten können. Oder, dass lokale Jugendliche aus der nächstgrösseren Stadt, die Skate Ramp übernehmen und betreuen können. So, dass sich die Community gegenseitig selbst unterstützen und weiterbringen kann.

Bei beiden Projekten,  HELP Englisch sowie der Ramp, wurde in den letzten Monaten vermehrt mit lokalen Freiwilligen zusammengearbeitet und Verantwortung laufend übergeben. Das finde ich echt super und erstrebenswert, um auch dem Phänomen von “Voluntourism” entgegenzuwirken. Zudem war ich in Trujillo als Lehrerin mit dabei, als wir zum ersten Mal einen Abend lang eine Englisch-Sprachschule mit ca. 80 Erwachsenen in 6 Gruppen aufgeteilt unterrichtet haben. Das war eine sensationelle Erfahrung und wird auch weitergeführt. 

Und zu guter letzt möchte ich an dieser Stelle nochmals einen RIESEN Dank aussprechen. Und zwar an alle grosszügigen Spender, die an meinem Vortrag vom 23. Januar der IG Kultur Benken einen Batzen für die NGO hinterlassen haben. Es sind total sagenhafte CHF 1148.80 zusammengekommen, welche ich für das Projekt der Skate Ramp gespendet habe. Vor allem jetzt, wo Kinder nicht mehr zur Schule dürfen, stellt dies eine noch grössere Herausforderung für Eltern am Existenzminimum dar und ich bin überzeugt, dass die Spende nach bestem Wissen und Gewissen eingesetzt wird. 

Strukturierter Lehrplan: Der Unterricht findet mit gezielt dafür erarbeiteten Lehrbüchern und nach einem strukturierten Curriculum statt.

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