Bis auf Weiteres

Ich glaube, ich weiss jetzt, wie sich die berühmt berüchtigte Schreibblockade bei Autoren anfühlt (nicht, dass ich mich als eine solche betiteln würde). Es fiel mir tatsächlich in meinem ganzen Leben noch nie so schwer, ein paar Zeilen zu schreiben. Allgemein habe ich allergrösste Mühe, mich aufzuraffen, um überhaupt irgendwas zu erledigen. Auf meiner To Do Liste steht noch so einiges, doch die Motivation ist unterirdisch. Die Liste wird von Tag zu Tag länger und anstatt diese abzuarbeiten, kann ich mich nur für Kochen, Essen und Sport begeistern.

Natürlich suhle ich mich tagtäglich in den Erinnerungen der vergangenen zwei Jahre. Vor einem Jahr war ich in der Atacama Wüste, vor zwei Jahren auf Sumbawa in Indonesien. Und hüt so? Ja heute kommt mir das alles sehr surreal vor. Ich fühle mich so weit weg von all meinen Reiseerlebnissen, dass ich kaum eine Zeile dazu verfassen kann. Auch wenn ich noch einiges zu erzählen hätte. Die Laune stimmt einfach nicht. Sorry =/ !

Die Laune? Ganz ehrlich? Die ist aktuell ziemlich im Keller. Der Gegensatz der ultimativen Freiheit zur aktuellen Lage macht mir ganz schön zu schaffen. Natürlich gibt’s Tage, da denke ich: Hey, es geht allen so. Doch dann überkommen mich wieder die Fragen: Wie geht das jetzt alles weiter? Wie lange muss ich bin der Schweiz bleiben? Wo werde ich wohnen (wenn mein WG-Zimmer ab Ende Mai nicht mehr verfügbar ist) und woher kommt die Kohle (wenn mein Arbeitsvertrag per Mitte Mai ausläuft)? Die Airline hat meinen Flug vom 14. Mai nach Kanada bereits annulliert. Mein kanadisches Arbeitsvisum? Dessen Verarbeitung ist aktuell “bis auf Weiteres pausiert”. Zeithorizont? Keiner. Merci gäll. Und dann, wenn ich all diese rationalen Fragen irgendwie mit “Also guet, das muesch halt akzeptiere und ein Tag um de ander näh, es git Schlimmers uf dere Wält” abtue, dann kommt noch die emotionale Komponente hinzu. 

Mein emotionales Ich, das lässt sich aktuell am besten als ca. 4-jähriges, schreiendes und stampfendes Kind beschreiben, dessen liebstes Spielzeug gerade von einem fiesen, älteren Spielkameraden geklaut wurde. Genau so fühle ich mich. Meinem Spielzeug, meiner Freiheit, ja gar meinen Menschenrechten beraubt. Jaja, ich weiss, ich übertriibs jetzt gad es bitz. Und tief in mir drin weiss ich, dass es unverhältnismässig ist, so zu leiden. Aber die Emotionen sind die Emotionen und wie sagt man? “All feelings are valid”. OK DANKE.  

Mein emotionales Ich hält diese Ungewissheit fast nicht aus. Wie lange bin ich hier noch eingesperrt? Und wie lange geht es noch, bis ich meinen Partner wieder einmal sehen darf. Dass die gemeinsamen Schweiz-Skiferien im März nicht stattfinden konnten, das habe ich mittlerweile akzeptiert und überlebt. Dass mein Visum aktuell feststeckt und vielleicht noch Ewigkeiten auf sich warten lässt, das muss ich schlucken. Ja, wenn’s gut läuft, dann kann ich vielleicht im Juli als Touristin nach Kanada reisen. VIELLEICHT! Was, wenn nicht? Was, wenn dieser Scheiss noch das ganze Jahr so weitergeht? Bis auf Weiteres? Dann chan ja no EWIG goh!

Ich ärgere mich über Grenzen, diese feinen Linien, die gezogen werden. Die ein “wir” und ein “die anderen” überhaupt erst verdeutlichen. Plötzlich (oder schon immer) schaut jeder nur für sich. Einst fühlte ich mich schlecht und beinahe etwas schuldig für meinen privilegierten Schweizer Pass. Und jetzt ist mir das gute Stück grad kein bisschen mehr Wert als ein Fötzel Altpapier (Achtung: Hier spricht / schreit das 4-Jährige Kind). Ich ärgere mich darüber, dass verheiratete Paare keine Reisebeschränkungen, unverheiratete Paare jedoch keine Chance auf dieselben Rechte haben. Sorry, aber was isch das für en Mischt? Ist deren Liebe denn mehr Wert und legitimer, nur weil sie vor dem Staat (und meinetwegen vor der Kirche) mit einer Unterschrift besiegelt wurde? COME ON!

Ja, ihr seht, ich teubelä. Vor Corona war mir das Gefühl von “Vermissen” nicht so bekannt. In den zwei Jahren habe ich nie auch annähernd “so sehr vermisst”, dass es geschmerzt hätte. Ich sehnte mich mal nach einem Abend mit Wein und meinen Freundinnen oder nach Schoggi und ungesüsstem Naturjoghurt. Und jetzt kehrt sich mir der Magen beim Gedanken an die Distanz und die Zeit, die bereits verging und noch vergehen wird. Es bricht mir bei jeder schlechten Neuigkeit aufs Neue das Herz (bspw. Verlängerung von EU-Grenzschliessungen, Einschränkungen im Flugverkehr etc.). Habt ihr übrigens gewusst, dass aktuell auch unsere Briefpost nicht mehr nach Kanada geht? Nicht mal sein Geburi-Geschenk konnte ich schicken! Alles wird einem weggenommen (hier spricht wieder das 4-Jährige Kind), määh!

Was würde ich geben, um einen Tag in Nicaragua, Kolumbien oder Peru nochmals zu erleben? Unsere Unbeschwertheit und das Schmieden gemeinsamer Pläne. Wie schön es war, jeden Tag so intensiv zu leben! Bald hätte unser sechswöchiger Roadtrip durch den Westen und Norden Kanada’s gestartet. Damals, im Dezember, da schien noch alles möglich und so aufregend. Und jetzt? Bhu, jetzt schiebt eine mindestens einmal pro Woche die Krise (ich) und einer findet selbst wenn alles Kacke erscheint, die richtigen positiven Worte (er).

Nei, ganz ehrlich: Wir machen schon das Beste draus. Corona-Home-Office sei dank, kann die Zeitdifferenz ganz gut überbrückt werden. Facetime sei dank, gibt’s Yoga-Sessions, virtuelle Schachspiele und jede Menge Video-Calls. Es ist nicht so, dass sich für uns viel geändert hätte. Die Träume und Pläne sind immer noch genau gleich, sie sind einfach in eine unbestimmte Ferne gerückt. Und bis dahin muss ich wohl versuchen, das mühsame Kind in mir etwas zu zähmen. 

PS: die Bilder sind in Granada, Nicaragua entstanden. Gemacht haben wir da nicht mehr viel, lediglich die letzten gemeinsamen Tage genossen und einen superduper Surftrip ausklingen lassen. Gut wussten wir damals noch nicht, dass aus dem „100 Tage Countdown“ bis zum Wiedersehen, einer auf „unbestimmte Zeit“ wird…

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