Rotlicht, Caesars und Co.

Es war echt einfacher, hier farbenfrohe und aufregende Geschichten zu erzählen, als ich noch durch die Welt reiste. Als ich jeden Tag etwas Neues erlebte, mal auf der rechten Strassenseite Roller fuhr, dann wieder auf der Linken. Damals, als ich jeden zweiten Monat in einer neuen Sprache Danke und Grüezi sagen durfte und so unbeschwert rastlos und voller Neugier umherzog.

Ich fragte mich in den letzten Monaten ab und zu, was ich euch hier überhaupt noch zu erzählen habe. Ich arbeite jeden Tag, so wie ihr. Ich wohne in einer Wohnung, so wie ihr. Ich habe einen kleinen Gemüsegarten und schaue, dass meine Hauspflanzen überleben, so wie ihr. Ich bin in den Bergen unterwegs, so wie ihr. Bhuu. Kanada ist schön, die Natur haut mich jeden Tag um. Unser Hausberg ist eine Pracht, kein Foto kann das 1:1 festhalten (siehe unten ein paar Handyschnappschüsse). Aber das interessiert doch keinen!

Und dann fallen mir im Alltag immer wieder kleine Dinge auf, von denen ich euch erzählen muss. Zum Beispiel jedes Mal, wenn ich bei einer Rotlicht-Ampel angehupt werde. Passiert mir immer noch mindestens einmal die Woche.

Angefangen hat’s so: K. fährt, ich bei-fahre. Sprich: Frau kommentiert fleissig das Tagesgeschehen, erzählt, wovon sie grad gelesen und gehört hat, kontrolliert Spotify und schraubt die Sitzheizung hoch. Multitasking halt. Wir fahren auf die Kreuzung zu. Rotlicht. K. kennt kein Bremsen, fährt sorgenfrei weiter und biegt rechts ab. Ich schreie, springe fast zum Fenster raus. Er bremst und schreit mit. Was mit mir los sei? Der Typ hinter uns hupt, um uns herum werden zahlreiche Hände aus dem Fenster geworfen. Ihr wüsset wasi meine. Ich verstehe zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich hier für Verkehrschaos gesorgt habe und nicht K. Ich allein. Hat mir nämlich im Vorfeld keiner erklärt, dass die Kanadier am Rotlicht nach rechts abbiegen dürfen. Wer macht dänn sowas?

Bis heute vergesse ich es, blockiere seelenruhig die Rechtsabbieger weil ich korrekte Schweizerin allergrösste Mühe hab, über ein Rotlicht zu fahren. Blitzer gibt’s hier an den Ampeln übrigens keine. Es gibt auch auf den Highways keine Radarfallen. Sondern Polizisten, die im Gebüsch lauern und mit einer Tempo-Mess-Pistole auf dich abzielen. Creepy.

Ja und sonst so? Spazieren kann ich nicht ohne Bearspray, einer Art Pfefferspray gegen Bären, der aber nur im allergrössten Notfall angewendet werden darf. Die Bären sind hier nämlich sowieso überall, auch in unserem Garten. Mein erstes Bärenbaby hab ich auch schon gesichtet – aus absolut unsicherer Distanz von 10m stand es vor mir mitten auf dem Trail. Von der Mutter keine Spur, da dichtes Gebüsch. Mein Stresslevel? Sehr. hoch. Überhaupt läuft hier beim Spazieren im Wald alles etwas unentspannter ab: Es gibt Cougars, Mountainlions, Bobcats, Schwarzbären, Grizzlies und Wölfe. Meist natürlich nicht alle aufs Mal, aber halt mal so mal so. Da mueni mi scho no bitz dra gwöhne.

Auch kulinarisch erlebe ich immer wieder Aufregendes. Ein Disclaimer im Vorfeld: Wir wohnen hier in einem kleinen, aber internationalen und sehr modernen Ort mit einer überdurchschnittlichen Auswahl an grossartigen und auch vegetarischen / veganen Köstlichkeiten. Gefühlt alles ist #organicfairtradebioselfmadehandmadegranolaundsowiiterundsofort. Jeden Samstag gibts den klassischen Farmers Market. Der ist, wie in der Schweiz, extrem überteuert aber leider echt gut. Da hab ich bisher das beste Brot (meines Lebens) gekauft (Rosmarin Knoblauch Sauerteig Brot) – soll mal noch einer sagen, nur die Schweizer können Brot.

Eins muss ich uns Schweizern aber lassen: Die Schoggi. Die ist praktisch überall ausnahmslos grässlich. Aber wer sucht, der findet. So hab ich tatsächlich einen Schweizer im Dorf gefunden, der ein ganz junges Schoggi-Start-Up hat und von Hand absolut bombastische Schoggi macht. Bean to Bar, heisst das Konzept. Milch mit cocoa nibs, Dunkel oder Dunkel mit Meersalz? Alles, was das Herz begehrt.

Von einem Deutschen, der lange in Zermatt lebte und jetzt hier selbst Schnaps brennt (Limoncello, Gin, sonst noch irgendwas übel brennendes, bitteres), habe ich auch ein paar Insider-Tipps erhalten, wo ich anständigen Käse finde. Ja, die „Euros“, wie K. mich immer nennt, helfen sich halt bei den wichtigen Sachen im Leben doch aus ;-). Im Supermarkt gibts nämlich nur komischen Emmentaler für CHF 18 oder orangefarbenen Plastik-Cheddar. Sowas kommt mir nicht ins Haus. (Fun Fact: jeder Käse, der halbwegs ein Loch drin hat, wird hier Swiss Cheese genannt. Hat mit der Schweiz aber nix zu tun, glaubt mir, I tried them all…)

Für Speis ist also gesorgt, doch wie stets um den Trank? Muss zugeben, an gutem Kaffee fehlt es mir gar nicht. Röstereien wohin man schaut. Und an kleinen Hipster-Brauereien auch nicht, die haben hier gar ein viel besseres Angebot, als ich es von sonst woher kenne. Wein können die Kanadier dafür hingegen wiederum gar nicht. Solche Kopfschmerzen von Weisswein hatte ich im Leben noch nie zuvor. Nicht mal in Peru, wo wir Wein direkt aus dem Tetrapak tranken. Doch während andere Länder bei einem solchen Hangover zu Brausetabletten oder Electrolytes greifen, trinken die Kanadier am Sonntagmorgen friedlich einen Caesar. Vodka, Muschelsaft (clam juice), Tomatensaft, Gewürze wie Zwiebel oder Knoblipulver (@Viola, STEAK SPICES!) und Tabasco Sauce. Je nach Belieben auch Radiesli und saure Gurken. Dann eine Selleriesalz-Kruste am Glasrand und ein Stück Sellerie mit Oliven und Limetten drin zur Deko. Wer vorher nani hät müesse, chotzt spötistens dänn.

PS. Wer mag und jetzt so tapfer bis ans Ende gelesen hat, darf auch gern jederzeit Fragen oder Themen, die euch interessieren, hinterlassen, falls es mir wieder mal 6 Monate lang an Inspiration fehlt 😉

4 Kommentare zu „Rotlicht, Caesars und Co.

  1. Eine Frage habe ich tatsächlich … wer behauptet denn, nur die Schweizer könnten Brot backen? Ich dachte, das wäre das Ding von uns Deutschen. 😉
    Davon abgesehen: Dafür, dass nichts passiert, hast du doch ein paar interessante Dinge zu erzählen. Ich beneide dich zwar ein wenig für deinen Wohnort, unbekannterweise freut es mich aber auch für dich. 😀

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  2. Corina, du schreibst wieder – und wie!!! Dein Stil ist genial und es ist ein Genuss dich zu lesen! C. kann!!! Danke 🙂 Spannend, was du alles erlebst. Melde dich doch bei Mona Vetsch beim SRF (Schweizer Fernsehen). Sie ist Klasse und hat eine Sendung „Hin und Weg“ von Paaren, die der Liebe wegen ausgewandert sind. Trifft dies auch auf dich zu?
    Wie auch immer, bitte erzählt uns weiter immer wieder wie es dir geht. ich freue mich jedenfalls immer sehr darüber. In Kanada war ich noch nie, doch die Natur muss – wie in der Schweiz – grossartig sein. Einfach alles viel grösser.

    Wie geht das Land mit der Pandemie um? Hier war viel von USA zu hören, aber Canada? Was für eine Arbeit hast du gefunden und war dies leicht?

    Ganz herzliche Grüsse aus Rorschach (noch dieses Jahr 🙂 )

    A*

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  3. Hoi Corina💐
    So schön, am Morgen auf dem Arbeitsweg von deinen Erlebnissen zu lesen! Du schreibst so gut und du scheinst dich in Kanada sehr wohl zu fühlen!
    Weiter so!
    Franzi:)

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  4. Wiedermal einfach genial, Liebe! Habe laut gelacht und jetzt spannenderweise Lust auf einen Ceasar. Aber vielleicht habe ich auch einfach nur Hunger – auch nach mehr Posts! Alles Liebe, Viola

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