Skwxwú7mesh

Zwischen der Metropole Vancouver schlängelt sich der Sea-to-Sky-Highway entlang an Meer und Bergketten, vorbei an Whistler bis in die Duffy Region. Zu bieten haben die (National) Parks und Berge rund herum aber viel mehr, als „nur“ Whistler. Wir sind nicht mitten im Outdoorparadies, wir sind das Outdoorparadies. Wandern, Klettern, Kitesurfen, Trailrunning, Mountainbiking, Road Cycling (entlang dem Highway 99 und noch viel mehr), Gravel Cycling, Skitouren, Heliskiing, Langlaufen, Kayak / Rafting, Kanu, Windsurfen, Bouldern und Zeugs, von dem ich noch gar nicht weiss, dass es das gibt. Es. hört. nicht. auf.

Hier hin zu ziehen, das war ein Lifestyle-Entscheid. Wo kriegen wir den besten bang for our buck? Wo stimmt die Lebensqualität? Für mich ist klar, dass das Leben zu kurz und mein Privileg zu gross ist, um meinen Träumen nicht stur zu folgen. Das Glück, dass K. und ich aktuell beide auf unsere eigene Weise remote arbeiten (merci COVID) gab uns absolute Wahlfreiheit. Der Entscheid war schnell gefällt: Squamish it is!

Kleiner Vermerk: Dies ist ein sehr informativer (langer), persönlicher Post. Es wird in Zukunft solche, aber auch wieder kürzere Posts im Stil der Kolumne geben.

Fast perfekt in der Mitte zwischen Vancouver und Whistler liegt die Kleinstadt Squamish, die sich wie ein Dorf anfühlt. Wie der Name schon verrät, befinden wir uns hier auf dem Land der Skwxwú7mesh Úxwumixw, der Squamish Nation. Der absolut grundlegendste Teil der Identität Squamish’s. Nicht nur die Namen der Berge oder Flüsse der Region weisen darauf hin, fast überall im Alltag findet man Akzente aus der Kultur der Squamish Nation wie Figuren, Materialien oder Beschreibungen, Signaletik und Instagram Posts, die in beiden Sprachen, Skwxwú7mesh und Englisch, verfasst werden. Den Respekt gegenüber den First Nations ist ein Anliegen, dass meiner Auffassung nach sehr lautstark und aktiv gelebt wird. Trotzdem: Auf das Zusammenleben und die Aufarbeitung der Geschichte Kanadas mit den First Nations, die ja aktuell auch ausserhalb der Landesgrenzen Wellen schlagen, gehe ich hier aber nicht näher ein. Ein zu grosses Thema, das ich noch nicht durchblicke.

Geschichtliches 1×1: Die Besiedlung Squamish’s durch Europäer, Chinesen und eine Sikh Community startete Ende 19. Jahrhundert. Sie kamen primär für’s Logging, das Fällen und Abtransportieren von Baumstämmen. Mit der Eisenbahnlinie boomte das Geschäft und viele Arbeiter bezogen hier in den Trailerparks ein bescheidenes Zuhause, das an erster Stelle dem Schlafen diente. Und vielleicht dem Ausnüchtern, Brauereien gab es nämlich damals schon. Mitte 20. Jahrhundert kam dann das Truck Logging dazu, was viele Lastwagenfahrer nach Squamish brachte. „Früher hätte ich mich abends niemals rausgetraut!“, meinte K.’s Physiotherapeut, der hier seit 15 Jahren wohnt. Damals war das raue Squamish für ihn, der Sport liebt und in Whistler arbeitete, die einzige bezahlbare Option. Die Spuren dieser Tage sind noch sehr gegenwärtig; in Form von Häusern, der Industrie und Menschen. Was ich damit meine?

Bevor wie im Januar hergezogen sind, hat eine Freundin aus Vancouver Squamish als ziemlich hick bezeichnet. Ich dachte kurz an Ruth aus Ozark, an Hillbilly Elegy und Steven Avery. Ich persönlich würde Squamish niemals als hick beschreiben und das obwohl (oder genau weil?) wir wohl in der hicksten Strasse überhaupt wohnen. Als wir für die Wohnungsbesichtigung hergekommen sind, ging’s zuerst mal vorbei an drei Häusern kurz vor dem Totalzusammenbruch. Überwachsen, ungepflegt und kaputte Fensterscheiben. Aber bewohnt. Unsere direkten Nachbarn hatten einen Fuhrpark verrosteter und ausgebrannter Karren im Vorgarten stehen, vom Trailer selbst ganz zu schweigen. K. meinte im Halbscherz „Ui, hierher können wir unsere Eltern niemals einladen“. Eingezogen sind wir trotzdem.

Wie’s mit den Nachbaren so läuft? Nun, stellt euch das so vor. Der winzige Trailer fällt fast auseinander. Rundherum die ca. 20 Fahrzeuge inkl. Einkaufswägeli. Alles liegt rum, verrostet. Mehrere Fahrräder. Geklaut? Who knows. Zwei Pitbull Hunde – weder freundlich noch herzig. Ein junger, bleicher Typ, der immer die Kapuze oben hat und eine ältere, viel zu hagere Frau, die jeden Tag einen mysteriösen Rollkoffer nach Hause zieht und fluchend Selbstgespräche führt. Jedesmal, wenn wir heimkommen, beobachten sie uns durch ihr Fenster. Ich denk mir „leben und leben lassen“ und bin dauerhaft gwundrig, was im ominösen Koffer drin ist. Unsere Freude hatten die wildesten Ideen, dass sich da drüben Szenen à la Breaking Bad abspielen müssen.

Eines heiligen Wochentags höre ich dann, wie sich ein Grossaufgebot an Fahrzeugen um unser Haus versammelt. Vom Fensterplatz her sehe ich, wie uniformierte Männer mit Kartenboxen ins Haus rennen und alles leerräumen. Draussen laden zwei Schlepptransporter die Autos auf. Die Frau und der Typ sind gestresst. Dann schiebt sich ein aggressiver Opa mit Rollator aus dem Haus und legt sich mit einem uniformierten Herr an. Der Opa wird kurzerhand zurechtgewiesen: Weg mit dem Rollator, Rueh uf de billige Plätz. Ich, an der Scheibe klebend (payback), kann nicht glauben, was sich da abspielt. Muss fleissig den Freundeskreis auf dem Laufenden halten. Schlussendlich taucht die federal police („Bundespolizei“) auf und alle drei müssen einsteigen. Eine filmreiche Zwangsräumung. In der Nachbarschaft wusste man (Frau) Bescheid, da drüben liefen Kokaingeschäfte ab und offenbar wurde auch die Miete nie bezahlt. Ein Paradebeispiel, was genau mit hick gemeint war und ist. Individuen aus dieser Ära und mit einem problematischem Substanz-Konsum sind in Squamish genauso vertreten, wie die superreichen mit einer 5-Millionen-Villa.

In meinen Augen ist Squamish an erster Stelle ein Paradebeispiel der Gentrifikation. Meines Wissens hat die Ära der Kletterer, die die umliegenden Gipfel sowie unseren Hausberg, den riesen Felsen „The Chief“ erkletterten, die outdoor community zuerst hierher gezogen. Als Resultat hat sich in den letzten 15 Jahren nicht nur die Demographie verändert, sondern auch die Infrastruktur: Gehwege, Parks, zahlreiche Cafés & Essensangebote, Festivals, Kultur, Secondhandshops, Zero Waste Shops und ein unvorstellbares Angebot an Trails für Biker, Wanderer, Läufer, ja für jeden, der irgendwas bewegen will. Heute ist Squamish ein beliebter Hotspot für die Städter aus Vancouver, aber auch für nationale und internationale Touristen. The best of both worlds. Mitten in der Natur und doch nah am Stadtleben.

Zum Abschluss noch etwas zum Nachdenken: Vor allem seit COVID sind die Miet- und Hauspreise explodiert. Die Gutverdiener aus Vancouver lassen sich hier dank „home office“ nieder und neue Communities schiessen wie Pilze aus dem Boden. Ich weiss jedoch beim besten Willen nicht, wie jemand, der hier arbeitet, auch hier leben kann. Die Löhne sind viel zu tief. Und K. und ich, wir umgehen das Problem nicht nur, sondern wir sind das Problem. Wie viele Zugezogene können wir „übertriebene“ Preise/Miete für den beliebten Lebensstil bezahlen, da wir nicht lokal für den Minimumlohn arbeiten. Trotzdem ist das hier eine wirtschaftliche Entwicklung, der wir uns bewusst sind und kritisch gegenüberstehen.

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