Juan de Fuca. No reg-rats!

Zu sechst während vier Tagen und drei Nächten der kanadischen Westküste entlang wandern. Vorbei an sagenhaften Klippen, über Stock und Stein, ganz ohne Handyempfang, dafür mit dem gesamten Vorrat an Lebens- und Überlebensmitteln.

Geplant haben wir diesen Wandertrip bereits Anfang 2021 und trotzdem wussten wir bis zur letzten Sekunde nicht, ob alles klappen wird. Zuerst COVID-Lockdowns, dann die Hitzewelle und daraus resultierende Gefahr der Waldbrände und ganz nebenbei habe ich am 1. Mai noch mein Schlüsselbein gebrochen. Gut, galt dieses pünktlich auf den 12. Juli als „endlich geheilt“, sodass wir unser Wanderabenteuer wie geplant fünf Tage später starten konnten.

Dass ich das „über Stock und Stein“-Klettern sowie das Schleppen und Heben meines relativ schweren Rucksacks im Vorfeld nicht üben konnte, war klar. Trotzdem hätten wir das Packen nicht auf den letzten Abend schieben sollen, aber hey, no risk, no fun. Etwas gestresst stellten wir fest, dass mein Rucksack Nr. 1 zu klein ist und der Hüftgurt meines Rucksack Nr. 2 – mein Splitboard / Touring Rucksack – im Sommer ohne Winterklamotten viel zu locker sitzt. Grundlage für eine erfolgreiche Wanderung war also: Stets ein dickes Fleece um die Hüften binden und den Rucksack darüber tragen, damit das Gewicht vom Rucksack nicht auf meiner Schulter und meinem Schlüsselbein hängt. Yeih! Tipp für’s nächste Mal: Den Rucksack frühzeitig Test-packen.

K. und ich hatten schlussendlich mit Abstand die leichtesten Rucksäcke in unserer Gruppe. Wieso? Frau hat gepackt. Minimalistisch, oder eher verantwortungslos? Die Wettervorhersage sagte 99% Sonne, also haben wir glatt die Regensachen zuhause gelassen. Ziemlich riskant, da die kanadische Westküste extrem regenreich ist. Ganz ehrlich? Das war ein etwas unfreiwilliger Entscheid, da wir schlichtweg nicht mehr Platz hatten. K. trug die voluminösen Gegenstände wie Mätteli, Zelt & Schlafsäcke während ich alle Lebensmittel, Kochutensilien (und was man halt sonst noch so braucht) schleppte. Mein Rucksack war zwar in der Tat übertrieben klein, aber genau gleich schwer, wie jener von K.

Eine Wald-Wanderung

Ab Squamish, via Vancouver, brachte uns die Tsawwassen-Fähre (land facing the sea) nach Victoria auf Vancouver Island. In der „Rentner“-Stadt verbringen wir einen Tag beim Sightseeing, bevor wir am nächsten Morgen nach China Beach aufbrechen. Dort parken wir unsere Autos am Ende des Trails und ein Shuttlebus bringt uns zum Trailhead in Port Renfrew.

Hochmotiviert gings los. Tag 1: 17 Kilometer von Port Renfrew nach Little Kuitshe Beach. Siebzehn Kilometer, normalerweise eine gute Tageswanderung, bei der niemand von uns mit den Wimpern zuckt. Ebenso gingen wir davon aus, dass es sich hier ja nicht um eine Berg-Wanderung sondern eher eine „Wald-Wanderung“ handle. Führt ja alles der Küste entlang, entsprechend praktisch keine Höhenmeter, oder?! Ich war sogar kurzzeitig überzeugt, dass ich den Trip gleich in Trail Running Schuhen mache, damit ich nicht unnötig voluminöse Wanderschuhe tragen muss. HOLY.SHIT.

Wir lernten schnell, dass 17km nicht gleich 17km sind. Wenn du dich bei jedem einzelnen Schritt konzentrieren musst, kommst du schlichtweg nicht vom Fleck. Knietiefer Schlamm, rutschiges Holz, versteckte Schrauben, Baumstämme, die links und rechts in den Trail wachsen, und allerlei Hindernisse wie Wurzelpassagen, Felsen, loser Sand oder nasse Steine. Der Trail fühlte sicher eher an, wie ein Hindernislauf oder ein Fishermen’s Race, als eine Wald-Wanderung. Am ersten Abend, als wir nach etwas 8 Stunden waldwandern total erledigt am Boden lagen und die Karte studierten, realisierten wir: Tag 1 galt als „moderat“, Tag 2 wird „hart“ und Tag 3 wird „super hart“. HAHA…fu*k.

Während vier Tagen ging es echt keine Minute gerade aus. Auf allen vieren kletterten wir steil runter zur nächsten Bach-Überquerung und auf der anderen Seite gleich wieder steil hoch auf den nächsten Hügel. Gegen Ende jedes Tages wurde nur noch überlebt und ab und zu fragte einer: „Sieht jemand den nächsten Kilometer-Marker?“

Essen & Trinken beim Backpacken

Ernährt haben wir uns die Tage fast ausschliesslich von „Backpacker’s Pantry“, dehydriertem Wander-Essen. Das kannst hier in jedem Outdoor Shop kaufen, eine Packung füllt meist zwei Personen. Und das Zeug ist RICHTIG lecker. Somit gab’s vier Tage lang Frühstück, Dinner und Dessert aus der Packung und für die Lunches hatten wir nur Cliffbars, Nüsse und getrocknete Mango. Die Fleischesser waren etwas besser vorbereitet, hatten Thunfisch-Dösli dabei und Wraps. Ahhh, Salz! Der Neid war gross, needless to say, dass weder K. noch ich seither einen Cliffbar gegessen haben. Chani nümme gseh.

Getrunken wurde Wasser, aufgefüllt an den Quellen, gereinigt mit kleinen Cleaning-Tabs oder mit dem life straw!

Wildlife – fu*king run

In Sachen Tierwelt gab es drei „Situationen“.

Nr. 1 – An Tag 2 hörten wir im Wald ein Fauchen, das uns während ein paar Minuten verfolgte. Lynx / Bobcats gibts dort eigentlich nicht, ist es also ein Cougar (Puma)? Oh boy, we’re dead, we’re dead. Kurz bricht Panik aus.

Zitat J.: „Fu*king RUN!“, während sie uns zur Seite schubst. Da sieht man, wer in Stresssituationen sein wahres Gesicht zeigt. Scherz 😉 Wir ziehen sie bis heute daran auf, aber wichtig ist hinzuzufügen: „a running human, is a dead human„.

Incident Nr 2. – Ich wache mitten in der Nacht auf und höre ein Tier, das an unserem Zelt rumwuselt. K. ist unaufweckbar, also bin ich meiner Panik allein ausgeliefert. Ich höre erneut ein Fauchen, aber viel zu „kleine Schritte“, schliesse somit einen Bären und den Cougar aus. Am Morgen glaubt jeder, ich sei vom Wald-Cougar-Vorfall traumatisiert und habe mir das eingebildet. Doch die Beweise sind da: Rund ums Zelt und am Strand entlang finden wir sie, die herzigen Fussspuren der frechen Waschbären!

Nr 3. – Ebenfalls mein Vergnügen. Der letzte Morgen am Bear Beach (Bären Strand, aber keinen Bären getroffen) und ich möchte mich beim morgendlichen Geschäft gleich auch in der Camping-Toilette umziehen gehen. Halb nackig stehe ich also im Häuschen, hebe den Deckel hoch und sehe unter mir, auf dem wortwörtlichen „riesigen Haufen Scheisse“ eine MONSTER-Ratte, die mir direkt ins Gesicht starrt. Ich lasse einen Schrei ab und knalle den Toilettendeckel wieder zu. Panisch ziehe ich mich wieder an und höre draussen nur Gelächter. Merci dänn! Einer der Jungs meint: „Oh, sie hat wohl die Ratte gesehen…“ Er habe das gute Stück bereits gestern Abend angetroffen, doch absichtlich nix gesagt, damit „die Damen weiterhin aufs Klo können„. Klar, hat nachher keine(r) mehr Fuss ins Klo-Häuschen gesetzt.

Views for days

Und nun das Wichtigste: Der Juan de Fuca Trail ist absolut WUNDERSCHÖN. Während zwei von drei Nächten haben wir das Zelt im Sand am Strand ausgebaut und direkt am Meer geschlafen. Morgens weckt dich das Rauschen und der Himmel leuchtet pink und orange. Das Meer glänzt tagsüber türkis blau, der Wald ist satt und grün, alles blüht. In der Ferne, auf der anderen Seite der Salish Sea, erkennt man den US-Staat Washington mit den schneebedeckten Bergen um Seattle im Hintergrund. Jeden Abend besuchten uns Seehunde, die immer näher kamen und neugierig ihre Köpfe rausstreckten.

Riesen Empfehlung, hier ein paar Bilder.

VICTORIA, BC
Exploring Victoria

Skwxwú7mesh

Zwischen der Metropole Vancouver schlängelt sich der Sea-to-Sky-Highway entlang an Meer und Bergketten, vorbei an Whistler bis in die Duffy Region. Zu bieten haben die (National) Parks und Berge rund herum aber viel mehr, als „nur“ Whistler. Wir sind nicht mitten im Outdoorparadies, wir sind das Outdoorparadies. Wandern, Klettern, Kitesurfen, Trailrunning, Mountainbiking, Road Cycling (entlang dem Highway 99 und noch viel mehr), Gravel Cycling, Skitouren, Heliskiing, Langlaufen, Kayak / Rafting, Kanu, Windsurfen, Bouldern und Zeugs, von dem ich noch gar nicht weiss, dass es das gibt. Es. hört. nicht. auf.

Hier hin zu ziehen, das war ein Lifestyle-Entscheid. Wo kriegen wir den besten bang for our buck? Wo stimmt die Lebensqualität? Für mich ist klar, dass das Leben zu kurz und mein Privileg zu gross ist, um meinen Träumen nicht stur zu folgen. Das Glück, dass K. und ich aktuell beide auf unsere eigene Weise remote arbeiten (merci COVID) gab uns absolute Wahlfreiheit. Der Entscheid war schnell gefällt: Squamish it is!

Kleiner Vermerk: Dies ist ein sehr informativer (langer), persönlicher Post. Es wird in Zukunft solche, aber auch wieder kürzere Posts im Stil der Kolumne geben.

Fast perfekt in der Mitte zwischen Vancouver und Whistler liegt die Kleinstadt Squamish, die sich wie ein Dorf anfühlt. Wie der Name schon verrät, befinden wir uns hier auf dem Land der Skwxwú7mesh Úxwumixw, der Squamish Nation. Der absolut grundlegendste Teil der Identität Squamish’s. Nicht nur die Namen der Berge oder Flüsse der Region weisen darauf hin, fast überall im Alltag findet man Akzente aus der Kultur der Squamish Nation wie Figuren, Materialien oder Beschreibungen, Signaletik und Instagram Posts, die in beiden Sprachen, Skwxwú7mesh und Englisch, verfasst werden. Den Respekt gegenüber den First Nations ist ein Anliegen, dass meiner Auffassung nach sehr lautstark und aktiv gelebt wird. Trotzdem: Auf das Zusammenleben und die Aufarbeitung der Geschichte Kanadas mit den First Nations, die ja aktuell auch ausserhalb der Landesgrenzen Wellen schlagen, gehe ich hier aber nicht näher ein. Ein zu grosses Thema, das ich noch nicht durchblicke.

Geschichtliches 1×1: Die Besiedlung Squamish’s durch Europäer, Chinesen und eine Sikh Community startete Ende 19. Jahrhundert. Sie kamen primär für’s Logging, das Fällen und Abtransportieren von Baumstämmen. Mit der Eisenbahnlinie boomte das Geschäft und viele Arbeiter bezogen hier in den Trailerparks ein bescheidenes Zuhause, das an erster Stelle dem Schlafen diente. Und vielleicht dem Ausnüchtern, Brauereien gab es nämlich damals schon. Mitte 20. Jahrhundert kam dann das Truck Logging dazu, was viele Lastwagenfahrer nach Squamish brachte. „Früher hätte ich mich abends niemals rausgetraut!“, meinte K.’s Physiotherapeut, der hier seit 15 Jahren wohnt. Damals war das raue Squamish für ihn, der Sport liebt und in Whistler arbeitete, die einzige bezahlbare Option. Die Spuren dieser Tage sind noch sehr gegenwärtig; in Form von Häusern, der Industrie und Menschen. Was ich damit meine?

Bevor wie im Januar hergezogen sind, hat eine Freundin aus Vancouver Squamish als ziemlich hick bezeichnet. Ich dachte kurz an Ruth aus Ozark, an Hillbilly Elegy und Steven Avery. Ich persönlich würde Squamish niemals als hick beschreiben und das obwohl (oder genau weil?) wir wohl in der hicksten Strasse überhaupt wohnen. Als wir für die Wohnungsbesichtigung hergekommen sind, ging’s zuerst mal vorbei an drei Häusern kurz vor dem Totalzusammenbruch. Überwachsen, ungepflegt und kaputte Fensterscheiben. Aber bewohnt. Unsere direkten Nachbarn hatten einen Fuhrpark verrosteter und ausgebrannter Karren im Vorgarten stehen, vom Trailer selbst ganz zu schweigen. K. meinte im Halbscherz „Ui, hierher können wir unsere Eltern niemals einladen“. Eingezogen sind wir trotzdem.

Wie’s mit den Nachbaren so läuft? Nun, stellt euch das so vor. Der winzige Trailer fällt fast auseinander. Rundherum die ca. 20 Fahrzeuge inkl. Einkaufswägeli. Alles liegt rum, verrostet. Mehrere Fahrräder. Geklaut? Who knows. Zwei Pitbull Hunde – weder freundlich noch herzig. Ein junger, bleicher Typ, der immer die Kapuze oben hat und eine ältere, viel zu hagere Frau, die jeden Tag einen mysteriösen Rollkoffer nach Hause zieht und fluchend Selbstgespräche führt. Jedesmal, wenn wir heimkommen, beobachten sie uns durch ihr Fenster. Ich denk mir „leben und leben lassen“ und bin dauerhaft gwundrig, was im ominösen Koffer drin ist. Unsere Freude hatten die wildesten Ideen, dass sich da drüben Szenen à la Breaking Bad abspielen müssen.

Eines heiligen Wochentags höre ich dann, wie sich ein Grossaufgebot an Fahrzeugen um unser Haus versammelt. Vom Fensterplatz her sehe ich, wie uniformierte Männer mit Kartenboxen ins Haus rennen und alles leerräumen. Draussen laden zwei Schlepptransporter die Autos auf. Die Frau und der Typ sind gestresst. Dann schiebt sich ein aggressiver Opa mit Rollator aus dem Haus und legt sich mit einem uniformierten Herr an. Der Opa wird kurzerhand zurechtgewiesen: Weg mit dem Rollator, Rueh uf de billige Plätz. Ich, an der Scheibe klebend (payback), kann nicht glauben, was sich da abspielt. Muss fleissig den Freundeskreis auf dem Laufenden halten. Schlussendlich taucht die federal police („Bundespolizei“) auf und alle drei müssen einsteigen. Eine filmreiche Zwangsräumung. In der Nachbarschaft wusste man (Frau) Bescheid, da drüben liefen Kokaingeschäfte ab und offenbar wurde auch die Miete nie bezahlt. Ein Paradebeispiel, was genau mit hick gemeint war und ist. Individuen aus dieser Ära und mit einem problematischem Substanz-Konsum sind in Squamish genauso vertreten, wie die superreichen mit einer 5-Millionen-Villa.

In meinen Augen ist Squamish an erster Stelle ein Paradebeispiel der Gentrifikation. Meines Wissens hat die Ära der Kletterer, die die umliegenden Gipfel sowie unseren Hausberg, den riesen Felsen „The Chief“ erkletterten, die outdoor community zuerst hierher gezogen. Als Resultat hat sich in den letzten 15 Jahren nicht nur die Demographie verändert, sondern auch die Infrastruktur: Gehwege, Parks, zahlreiche Cafés & Essensangebote, Festivals, Kultur, Secondhandshops, Zero Waste Shops und ein unvorstellbares Angebot an Trails für Biker, Wanderer, Läufer, ja für jeden, der irgendwas bewegen will. Heute ist Squamish ein beliebter Hotspot für die Städter aus Vancouver, aber auch für nationale und internationale Touristen. The best of both worlds. Mitten in der Natur und doch nah am Stadtleben.

Zum Abschluss noch etwas zum Nachdenken: Vor allem seit COVID sind die Miet- und Hauspreise explodiert. Die Gutverdiener aus Vancouver lassen sich hier dank „home office“ nieder und neue Communities schiessen wie Pilze aus dem Boden. Ich weiss jedoch beim besten Willen nicht, wie jemand, der hier arbeitet, auch hier leben kann. Die Löhne sind viel zu tief. Und K. und ich, wir umgehen das Problem nicht nur, sondern wir sind das Problem. Wie viele Zugezogene können wir „übertriebene“ Preise/Miete für den beliebten Lebensstil bezahlen, da wir nicht lokal für den Minimumlohn arbeiten. Trotzdem ist das hier eine wirtschaftliche Entwicklung, der wir uns bewusst sind und kritisch gegenüberstehen.

Rotlicht, Caesars und Co.

Es war echt einfacher, hier farbenfrohe und aufregende Geschichten zu erzählen, als ich noch durch die Welt reiste. Als ich jeden Tag etwas Neues erlebte, mal auf der rechten Strassenseite Roller fuhr, dann wieder auf der Linken. Damals, als ich jeden zweiten Monat in einer neuen Sprache Danke und Grüezi sagen durfte und so unbeschwert rastlos und voller Neugier umherzog.

Ich fragte mich in den letzten Monaten ab und zu, was ich euch hier überhaupt noch zu erzählen habe. Ich arbeite jeden Tag, so wie ihr. Ich wohne in einer Wohnung, so wie ihr. Ich habe einen kleinen Gemüsegarten und schaue, dass meine Hauspflanzen überleben, so wie ihr. Ich bin in den Bergen unterwegs, so wie ihr. Bhuu. Kanada ist schön, die Natur haut mich jeden Tag um. Unser Hausberg ist eine Pracht, kein Foto kann das 1:1 festhalten (siehe unten ein paar Handyschnappschüsse). Aber das interessiert doch keinen!

Und dann fallen mir im Alltag immer wieder kleine Dinge auf, von denen ich euch erzählen muss. Zum Beispiel jedes Mal, wenn ich bei einer Rotlicht-Ampel angehupt werde. Passiert mir immer noch mindestens einmal die Woche.

Angefangen hat’s so: K. fährt, ich bei-fahre. Sprich: Frau kommentiert fleissig das Tagesgeschehen, erzählt, wovon sie grad gelesen und gehört hat, kontrolliert Spotify und schraubt die Sitzheizung hoch. Multitasking halt. Wir fahren auf die Kreuzung zu. Rotlicht. K. kennt kein Bremsen, fährt sorgenfrei weiter und biegt rechts ab. Ich schreie, springe fast zum Fenster raus. Er bremst und schreit mit. Was mit mir los sei? Der Typ hinter uns hupt, um uns herum werden zahlreiche Hände aus dem Fenster geworfen. Ihr wüsset wasi meine. Ich verstehe zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich hier für Verkehrschaos gesorgt habe und nicht K. Ich allein. Hat mir nämlich im Vorfeld keiner erklärt, dass die Kanadier am Rotlicht nach rechts abbiegen dürfen. Wer macht dänn sowas?

Bis heute vergesse ich es, blockiere seelenruhig die Rechtsabbieger weil ich korrekte Schweizerin allergrösste Mühe hab, über ein Rotlicht zu fahren. Blitzer gibt’s hier an den Ampeln übrigens keine. Es gibt auch auf den Highways keine Radarfallen. Sondern Polizisten, die im Gebüsch lauern und mit einer Tempo-Mess-Pistole auf dich abzielen. Creepy.

Ja und sonst so? Spazieren kann ich nicht ohne Bearspray, einer Art Pfefferspray gegen Bären, der aber nur im allergrössten Notfall angewendet werden darf. Die Bären sind hier nämlich sowieso überall, auch in unserem Garten. Mein erstes Bärenbaby hab ich auch schon gesichtet – aus absolut unsicherer Distanz von 10m stand es vor mir mitten auf dem Trail. Von der Mutter keine Spur, da dichtes Gebüsch. Mein Stresslevel? Sehr. hoch. Überhaupt läuft hier beim Spazieren im Wald alles etwas unentspannter ab: Es gibt Cougars, Mountainlions, Bobcats, Schwarzbären, Grizzlies und Wölfe. Meist natürlich nicht alle aufs Mal, aber halt mal so mal so. Da mueni mi scho no bitz dra gwöhne.

Auch kulinarisch erlebe ich immer wieder Aufregendes. Ein Disclaimer im Vorfeld: Wir wohnen hier in einem kleinen, aber internationalen und sehr modernen Ort mit einer überdurchschnittlichen Auswahl an grossartigen und auch vegetarischen / veganen Köstlichkeiten. Gefühlt alles ist #organicfairtradebioselfmadehandmadegranolaundsowiiterundsofort. Jeden Samstag gibts den klassischen Farmers Market. Der ist, wie in der Schweiz, extrem überteuert aber leider echt gut. Da hab ich bisher das beste Brot (meines Lebens) gekauft (Rosmarin Knoblauch Sauerteig Brot) – soll mal noch einer sagen, nur die Schweizer können Brot.

Eins muss ich uns Schweizern aber lassen: Die Schoggi. Die ist praktisch überall ausnahmslos grässlich. Aber wer sucht, der findet. So hab ich tatsächlich einen Schweizer im Dorf gefunden, der ein ganz junges Schoggi-Start-Up hat und von Hand absolut bombastische Schoggi macht. Bean to Bar, heisst das Konzept. Milch mit cocoa nibs, Dunkel oder Dunkel mit Meersalz? Alles, was das Herz begehrt.

Von einem Deutschen, der lange in Zermatt lebte und jetzt hier selbst Schnaps brennt (Limoncello, Gin, sonst noch irgendwas übel brennendes, bitteres), habe ich auch ein paar Insider-Tipps erhalten, wo ich anständigen Käse finde. Ja, die „Euros“, wie K. mich immer nennt, helfen sich halt bei den wichtigen Sachen im Leben doch aus ;-). Im Supermarkt gibts nämlich nur komischen Emmentaler für CHF 18 oder orangefarbenen Plastik-Cheddar. Sowas kommt mir nicht ins Haus. (Fun Fact: jeder Käse, der halbwegs ein Loch drin hat, wird hier Swiss Cheese genannt. Hat mit der Schweiz aber nix zu tun, glaubt mir, I tried them all…)

Für Speis ist also gesorgt, doch wie stets um den Trank? Muss zugeben, an gutem Kaffee fehlt es mir gar nicht. Röstereien wohin man schaut. Und an kleinen Hipster-Brauereien auch nicht, die haben hier gar ein viel besseres Angebot, als ich es von sonst woher kenne. Wein können die Kanadier dafür hingegen wiederum gar nicht. Solche Kopfschmerzen von Weisswein hatte ich im Leben noch nie zuvor. Nicht mal in Peru, wo wir Wein direkt aus dem Tetrapak tranken. Doch während andere Länder bei einem solchen Hangover zu Brausetabletten oder Electrolytes greifen, trinken die Kanadier am Sonntagmorgen friedlich einen Caesar. Vodka, Muschelsaft (clam juice), Tomatensaft, Gewürze wie Zwiebel oder Knoblipulver (@Viola, STEAK SPICES!) und Tabasco Sauce. Je nach Belieben auch Radiesli und saure Gurken. Dann eine Selleriesalz-Kruste am Glasrand und ein Stück Sellerie mit Oliven und Limetten drin zur Deko. Wer vorher nani hät müesse, chotzt spötistens dänn.

PS. Wer mag und jetzt so tapfer bis ans Ende gelesen hat, darf auch gern jederzeit Fragen oder Themen, die euch interessieren, hinterlassen, falls es mir wieder mal 6 Monate lang an Inspiration fehlt 😉

Was geschah am 12. Dezember 2020?!

Samstag, 12. Dezember, 03.50 Uhr. Nicht der Weltuntergang, sondern mein Wecker reisst mich aus dem Schlaf und die Notiz am Screen befiehlt mir „Kontrollanruf Marisa!“. Ich schäle mich aus dem Bett, rufe an und stehe 25 Minuten später mit meinen letzten Gepäckstücken bewaffnet auf der Strasse. Bye bye, liebe Seestrassen-WG. Es war mir eine Freude, ich werde euch noch verdammt lange vermissen. Nach einem turbulenten Jahr kommt hier ein Abschiedsgruss. Und zwar nicht von dieser Plattform, diesem Sammelsurium an Reiseberichten. Es ist ein Abschiedsgruss von mir an alle, denen ich nicht persönlich „Tschüss“ sagen konnte.

Nun, zurück zum Samstagmorgen. 05.00 Uhr Check-In. Der Spiessrutenlauf begann: Geschwitzt wird beim Schieben und Schleppen von insgesamt sieben Gepäckstücken sowie beim Anstehen in der Check-In Schlange: eine der Check-In Frauen wiegt jedes Handgepäck und ich weiss tief in mir drin, dass beide meine Rucksäcke schwer übergewichtig sind. Gut, liess die Glückssträhne nicht auf sich warten: Mein Check-In Boy ist jung, freundlich und lässt sich bestens von einer charmanten, leicht verzweifelten aber hervorragend vorbereiteten Reisenden bezirzen. „Darf ich Ihnen meinen Ordner mit 723 Dokumenten erklären, damit Sie mich in den Flieger lassen?“ „Klar doch, nüt lieber!“ Nicht ganz, aber fast so lief das ab. Kanada ist nämlich nach wie vor eines der Länder mit sehr strengen Einreisebestimmungen und reiner Tourismus ist absolut undenkbar.

In Amsterdam folgt das grosse Umsteigen, ein COVID-überhaupt-gar-nicht-konformes Anstehen bei der Drittstaaten-Passkontrolle und ein weiterer junger, gut gelaunter Kontroll-Heini, der beim Anblick meines Dokumente-Folders gleich weiche Knie bekommt und mich im Eiltempo durch die Grenzkontrolle schubst. Dann kurz die Temperatur-Pistole an die Stirn gehalten und bald geht’s in den nächsten Flieger nach Calgary. Ein drittes Mal muss ich beim Boarding alle Unterlagen vorlegen und werde erneut nach einem Heiratszertifikat gefragt. Gut, kann ich meine Erklär-Leier bereits im Schlaf rauf und runter erzählen. Im Flugzeug drin dann die grosse Krise: Fast alle Sitze sind besetzt. Oh mann, oh mann, so viel zum Thema „Selbstisolation“ vor der Abreise. Alle Mühe verspiele ich jetzt wohl in den nächsten 9 Stunden, während ich hier eingepfercht in der COVID-Hölle schmore.

Doch der Optimismus überwiegt und ich tippe Kyle die magischen Worte: „I confirm: I am IN THE PLANE TO CANADA!!!“ Oft habe ich gezweifelt, dass alles klappen wird. Es erschien zu perfekt, nachdem im 2020 so vieles gegen uns gespielt hat und wir auf manches verzichten mussten.

13 Uhr Ortszeit Calgary steige ich aus dem Flugzeug, starte den nächsten Hürdenlauf: „ArriveCAN App Check“, Deklaration, Immigration, Dokumentekontrolle zum Vierten und dann Gepäck abholen. Mit etwas Gepäck-Tetris den Trolley beladen, denn jetzt muss ich die 7 Stücke allein raus transportieren. Officer Nr. 5 gesellt sich zu mir, will überall reinschauen, stellt 302 Fragen: Wie, wieso, weshalb und überhaupt hat man so viel Zeugs dabei!? Erklär-Leier-Modus on replay. Dann sein Hinweis „Da vorn musst du aber langsam um die Kurve mit deinem Schwertransport…!“

In der Tat war das Schieben meines Schwertransports deutlich umständlicher als erwartet. Im Steilhang der Rampe fällt mein Surfboard runter, dann bleibe ich bei den Deklarations-Jungs in der Schiebetür stecken. Das Ding geht fröhlich weiter auf und zu, während ich hin und her navigiere und hoch und runter belade. Dann, vor den Augen zahlreicher Reisenden, bleibe ich zigfach in den „Ansteh-Guiding-Pfosten“ und diesen Sicherheits-Gurt-Bändern hängen, bis irgendwann eine Dame Mitleid hat und alle Schranken für mich öffnet. Nass geschwitzt (da Winterjacke und Schal) erreichen meine 100kg Material und ich das COVID-Test Provisorium. Calgary lancierte nämlich ein Schnelltest-Pilot-Projekt für auserwählte Flüge, mit dem man die Quarantäne bei negativem Resultat auf zwei Tage kürzen darf. Kurze bricht innerlich Panik aus: Was, wenn die Dr.’s denken, ich sei fiebrig, weil ich mit hochrotem Kopf eintrudle?! Doch Fehlalarm. Hab zackig das Stäbli in den Hals gesteckt bekommen und beim Rausnavigieren mit meinem Trolley noch fast den ganzen Vorhang des Provisoriums abgeräumt. Läuft.bei.mir!

Dann endlich das grosse Wiedersehen, a christmas mircale, wie es im Bilderbuch steht 😉 Mittlerweile habe ich das negative Testresultat erhalten, bin morgen zum ersten Mal auf kanadischen Skipisten unterwegs und werde ab jetzt wieder fleissiger mit Blogbeiträgen berichten.

merry xmas, Corina

Bis auf Weiteres

Ich glaube, ich weiss jetzt, wie sich die berühmt berüchtigte Schreibblockade bei Autoren anfühlt (nicht, dass ich mich als eine solche betiteln würde). Es fiel mir tatsächlich in meinem ganzen Leben noch nie so schwer, ein paar Zeilen zu schreiben. Allgemein habe ich allergrösste Mühe, mich aufzuraffen, um überhaupt irgendwas zu erledigen. Auf meiner To Do Liste steht noch so einiges, doch die Motivation ist unterirdisch. Die Liste wird von Tag zu Tag länger und anstatt diese abzuarbeiten, kann ich mich nur für Kochen, Essen und Sport begeistern.

Natürlich suhle ich mich tagtäglich in den Erinnerungen der vergangenen zwei Jahre. Vor einem Jahr war ich in der Atacama Wüste, vor zwei Jahren auf Sumbawa in Indonesien. Und hüt so? Ja heute kommt mir das alles sehr surreal vor. Ich fühle mich so weit weg von all meinen Reiseerlebnissen, dass ich kaum eine Zeile dazu verfassen kann. Auch wenn ich noch einiges zu erzählen hätte. Die Laune stimmt einfach nicht. Sorry =/ !

Die Laune? Ganz ehrlich? Die ist aktuell ziemlich im Keller. Der Gegensatz der ultimativen Freiheit zur aktuellen Lage macht mir ganz schön zu schaffen. Natürlich gibt’s Tage, da denke ich: Hey, es geht allen so. Doch dann überkommen mich wieder die Fragen: Wie geht das jetzt alles weiter? Wie lange muss ich bin der Schweiz bleiben? Wo werde ich wohnen (wenn mein WG-Zimmer ab Ende Mai nicht mehr verfügbar ist) und woher kommt die Kohle (wenn mein Arbeitsvertrag per Mitte Mai ausläuft)? Die Airline hat meinen Flug vom 14. Mai nach Kanada bereits annulliert. Mein kanadisches Arbeitsvisum? Dessen Verarbeitung ist aktuell “bis auf Weiteres pausiert”. Zeithorizont? Keiner. Merci gäll. Und dann, wenn ich all diese rationalen Fragen irgendwie mit “Also guet, das muesch halt akzeptiere und ein Tag um de ander näh, es git Schlimmers uf dere Wält” abtue, dann kommt noch die emotionale Komponente hinzu. 

Mein emotionales Ich, das lässt sich aktuell am besten als ca. 4-jähriges, schreiendes und stampfendes Kind beschreiben, dessen liebstes Spielzeug gerade von einem fiesen, älteren Spielkameraden geklaut wurde. Genau so fühle ich mich. Meinem Spielzeug, meiner Freiheit, ja gar meinen Menschenrechten beraubt. Jaja, ich weiss, ich übertriibs jetzt gad es bitz. Und tief in mir drin weiss ich, dass es unverhältnismässig ist, so zu leiden. Aber die Emotionen sind die Emotionen und wie sagt man? “All feelings are valid”. OK DANKE.  

Mein emotionales Ich hält diese Ungewissheit fast nicht aus. Wie lange bin ich hier noch eingesperrt? Und wie lange geht es noch, bis ich meinen Partner wieder einmal sehen darf. Dass die gemeinsamen Schweiz-Skiferien im März nicht stattfinden konnten, das habe ich mittlerweile akzeptiert und überlebt. Dass mein Visum aktuell feststeckt und vielleicht noch Ewigkeiten auf sich warten lässt, das muss ich schlucken. Ja, wenn’s gut läuft, dann kann ich vielleicht im Juli als Touristin nach Kanada reisen. VIELLEICHT! Was, wenn nicht? Was, wenn dieser Scheiss noch das ganze Jahr so weitergeht? Bis auf Weiteres? Dann chan ja no EWIG goh!

Ich ärgere mich über Grenzen, diese feinen Linien, die gezogen werden. Die ein “wir” und ein “die anderen” überhaupt erst verdeutlichen. Plötzlich (oder schon immer) schaut jeder nur für sich. Einst fühlte ich mich schlecht und beinahe etwas schuldig für meinen privilegierten Schweizer Pass. Und jetzt ist mir das gute Stück grad kein bisschen mehr Wert als ein Fötzel Altpapier (Achtung: Hier spricht / schreit das 4-Jährige Kind). Ich ärgere mich darüber, dass verheiratete Paare keine Reisebeschränkungen, unverheiratete Paare jedoch keine Chance auf dieselben Rechte haben. Sorry, aber was isch das für en Mischt? Ist deren Liebe denn mehr Wert und legitimer, nur weil sie vor dem Staat (und meinetwegen vor der Kirche) mit einer Unterschrift besiegelt wurde? COME ON!

Ja, ihr seht, ich teubelä. Vor Corona war mir das Gefühl von “Vermissen” nicht so bekannt. In den zwei Jahren habe ich nie auch annähernd “so sehr vermisst”, dass es geschmerzt hätte. Ich sehnte mich mal nach einem Abend mit Wein und meinen Freundinnen oder nach Schoggi und ungesüsstem Naturjoghurt. Und jetzt kehrt sich mir der Magen beim Gedanken an die Distanz und die Zeit, die bereits verging und noch vergehen wird. Es bricht mir bei jeder schlechten Neuigkeit aufs Neue das Herz (bspw. Verlängerung von EU-Grenzschliessungen, Einschränkungen im Flugverkehr etc.). Habt ihr übrigens gewusst, dass aktuell auch unsere Briefpost nicht mehr nach Kanada geht? Nicht mal sein Geburi-Geschenk konnte ich schicken! Alles wird einem weggenommen (hier spricht wieder das 4-Jährige Kind), määh!

Was würde ich geben, um einen Tag in Nicaragua, Kolumbien oder Peru nochmals zu erleben? Unsere Unbeschwertheit und das Schmieden gemeinsamer Pläne. Wie schön es war, jeden Tag so intensiv zu leben! Bald hätte unser sechswöchiger Roadtrip durch den Westen und Norden Kanada’s gestartet. Damals, im Dezember, da schien noch alles möglich und so aufregend. Und jetzt? Bhu, jetzt schiebt eine mindestens einmal pro Woche die Krise (ich) und einer findet selbst wenn alles Kacke erscheint, die richtigen positiven Worte (er).

Nei, ganz ehrlich: Wir machen schon das Beste draus. Corona-Home-Office sei dank, kann die Zeitdifferenz ganz gut überbrückt werden. Facetime sei dank, gibt’s Yoga-Sessions, virtuelle Schachspiele und jede Menge Video-Calls. Es ist nicht so, dass sich für uns viel geändert hätte. Die Träume und Pläne sind immer noch genau gleich, sie sind einfach in eine unbestimmte Ferne gerückt. Und bis dahin muss ich wohl versuchen, das mühsame Kind in mir etwas zu zähmen. 

PS: die Bilder sind in Granada, Nicaragua entstanden. Gemacht haben wir da nicht mehr viel, lediglich die letzten gemeinsamen Tage genossen und einen superduper Surftrip ausklingen lassen. Gut wussten wir damals noch nicht, dass aus dem „100 Tage Countdown“ bis zum Wiedersehen, einer auf „unbestimmte Zeit“ wird…

Gedanken zum Volunteering in Peru und COVID 19

Wie viele von euch wissen, habe ich im letzten Jahr fünf Monate in Peru verbracht und für eine britisch-peruanische NGO gearbeitet. Einen Tag pro Woche unterrichtete ich in einer kleinen lokalen Primarschule Englisch, die übrigen vier Tage arbeitete ich im Büro der NGO.

Freiwilligenarbeit ist kontrovers – das ist ein grosses Thema. Kritiken wie moderner Kolonialismus, white saviour complex oder Voluntourism sind nicht unberechtigt und auch ich habe mir dazu meine Gedanken gemacht. Im Falle von meinem Arbeitseinsatz konnte und kann ich aber hinter dem Projekt HELP English stehen, weil hier ganz konkreter Bedarf seitens der Schulen an die NGO geäussert wurde. Der peruanische Schulplan sieht Englischunterricht nämlich als Pflichtfach vor, die Regierung kann aber – vor allem in diesen kleinsten öffentlichen Schulen in ländlichen Regionen – oftmals keine Lehrerinnen und Lehrer mit Englischkenntnissen stellen. Deshalb springen wir ein.

Dank einem strukturierten Lehrplan weiss ich jede Woche, was ich unterrichten werde. Jede Klasse hat ein eigenes Schulbuch mit verschiedenen Themen. Gestartet wird mit Buchstaben, der Aussprache von Wortlauten bis hin zu Grammatik, Zeitformen und Satzbildung. Klingt alles einfacher, als es eigentlich ist. So eine Schulzimmer-Situation ist in meinem Fall nämlich deutlich anders, als ich diese aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung habe. Von Disziplin, stillsitzen, zuhören oder konzentrieren keine Spur. Es ist so chaotisch, wie es nur geht. Oder isch das bi eus au so gsi?! Dabei hilft es wenig, dass wir zwischen 25 und 30 Kinder in einem Raum unterrichten, unter denen alle Fähigkeitsstufen vertreten sind.  In der hintersten Reihe sitzen sechs Kids mit starken Lernschwächen (bspw. in der zweiten Primarklasse noch keine motorischen Fähigkeiten, um den Farbstift korrekt zu halten und ein Bild auszumalen…) und vorne die ganz Gerissenen, die auf jede Frage gleich die Antwort kennen und sie ungefragt rausposaunen. Kein Kommentar zu dieser Sitzordnung, meiner Meinung nach hilft diese nämlich niemandem…

Und ja: Einmal Englischunterricht pro Woche, das ist ein bisschen ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn ich ehrlich bin. Denn es ist nicht so, dass die Kids Hausaufgaben machen. Dass sie sich an gelerntes erinnern, ist eine riesige Hürde, die ich wahnsinnig unterschätzt habe. Selbst bei den Sechstklässlern können wir heute eine Aufgabe machen und ich denke “Mol, die händs checkt”. Und eine Woche später, hat keiner der Kids jemals was davon gehört und alle schauen mich nur mit grossen fragenden Augen an. Da hintersinnä ich mich scho, wie nachhaltig der Unterricht denn genau ist und was man hier verbessern muss / kann / soll… Am überraschendsten waren dann hingegen die Kindergärtler, die ja wirklich teils noch die winzigsten Knöpfe sind, aber ein super Erinnerungsvermögen haben. Sie erinnern sich jede Woche an alle Farben, viele Tiere und sogar die Zahlen. In Spanisch und Englisch!

Was mich vor allem jetzt, zu Zeiten von COVID19-bedingten Schulschliessungen beschäftigt, ist die Tatsache, dass viele dieser Kids in der Schule nicht nur lernen, sondern auch frühstücken und “beschäftigt werden”. Obwohl es mich beim täglichen Frühstück von O-Saft aus der Packung, einem Ei (ebenfalls in Plastik verpackt…) und einem Brötli ab und zu an meine Grenzen brachte, wenn ein Ei durch’s Schulzimmer flog oder ich nach einer Umarmung zerkaute Ei-Resten in meinen Haaren fand, ist diese Mahlzeit extrem wichtig für die Schüler. Oftmals deckt dieses Frühstück einen relevanten Tagesbedarf an Kalorien, Vitaminen und Proteinen der Schüler ab.

Zudem sind viele Eltern nicht in der Lage, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Selbst unter “normalen Umständen” sind sie oft gezwungen, ihre Kids mit 12-14 Jahren aus der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu schicken, damit die Familie über die Runden kommt. In Momenten wie jetzt? Ich wett nöd dra dänke… In einem reichen, sozialen Staat wie der Schweiz zu leben, das ist das eine. Ja, hier werden milliardenschwere Hilfspakete geschnürt und der Wirtschaft sowie der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. In einem Entwicklungsland als Teil einer von Armut betroffenen Bevölkerung zu leben, ist etwas ganz anderes. Auch wenn mir die Massnahmen hier in der Schweiz vor wenigen Wochen noch “unverhältnismässig” vorkamen, hat sich das inzwischen geändert. Zu sehen, wie bei uns und in Nachbarländern gekämpft wird, lässt mich nur mit Grauen daran denken, wie das die Entwicklungsländer in Asien und Südamerika treffen könnte/wird. 

Ein anderes Projekt der NGO in Huanchaco war zudem die Skate-Ramp. Sie wurde in einer Nachbarschaft gebaut, wo den Haushalten bis heute kein fliessendes Trinkwasser zur Verfügung steht, weil die Umsiedlung nach der Wetterkatastrophe El Nino nie korrekt stattgefunden hat. Warum dort? Weil es da gar keine Infrastruktur für Kinder und Jugendliche gibt. Somit haben die Kinder einen Ort, wo sie betreut Zeit verbringen können. Wo sie etwas lernen und kreativ sein können, sich bewegen und Spass haben können. Und das, während ihre Eltern die Zeit nutzen, einer Arbeit nachzugehen und Geld zu verdienen. Eine Art Kinderhort für alle Altersklassen. Nicht immer einfach, ein paar Pubertierende in die Schranken zu weisen, sie an die Helmtragepflicht beim Skaten zu erinnern und gleichzeitig Kleinkinder, die gerade knapp laufen gelernt haben, im Auge zu behalten.  

Das sind Projekte, hinter denen ich durchaus stehen kann und die bei der NGO auch wirklich gut funktionieren. Es gibt noch weitere Projekte, die ich ebenfalls gut finde, oftmals aber betreffend ihrer Nachhaltigkeit oder dem Empowerment-Faktor hinterfrage. Eine NGO sollte ja eigentlich etwas temporäres sein. Eine Institution, die während einer “Krise” etwas aufbaut, dann für das Empowerment der Community aufkommt und am Schluss die Verantwortung abgibt und sich zurückzieht. Wie das aussehen könnte? Zum Beispiel, dass auch die Lehrer unterricht erhalten und dann später selbst Englisch unterrichten können. Oder, dass lokale Jugendliche aus der nächstgrösseren Stadt, die Skate Ramp übernehmen und betreuen können. So, dass sich die Community gegenseitig selbst unterstützen und weiterbringen kann.

Bei beiden Projekten,  HELP Englisch sowie der Ramp, wurde in den letzten Monaten vermehrt mit lokalen Freiwilligen zusammengearbeitet und Verantwortung laufend übergeben. Das finde ich echt super und erstrebenswert, um auch dem Phänomen von “Voluntourism” entgegenzuwirken. Zudem war ich in Trujillo als Lehrerin mit dabei, als wir zum ersten Mal einen Abend lang eine Englisch-Sprachschule mit ca. 80 Erwachsenen in 6 Gruppen aufgeteilt unterrichtet haben. Das war eine sensationelle Erfahrung und wird auch weitergeführt. 

Und zu guter letzt möchte ich an dieser Stelle nochmals einen RIESEN Dank aussprechen. Und zwar an alle grosszügigen Spender, die an meinem Vortrag vom 23. Januar der IG Kultur Benken einen Batzen für die NGO hinterlassen haben. Es sind total sagenhafte CHF 1’148.80 zusammengekommen, welche ich für das Projekt der Skate Ramp gespendet habe. Vor allem jetzt, wo Kinder nicht mehr zur Schule dürfen, stellt dies eine noch grössere Herausforderung für Eltern am Existenzminimum dar und ich bin überzeugt, dass die Spende nach bestem Wissen und Gewissen eingesetzt wird. 

Strukturierter Lehrplan: Der Unterricht findet mit gezielt dafür erarbeiteten Lehrbüchern und nach einem strukturierten Curriculum statt.

Waden, Melonenhüte und Llamaföten

In La Paz sucht man Relikte der Kolonialzeit vergebens. Stattdessen überwiegen hier die Spuren der Aymara Kultur. Ich schlendere durch die Strassen und begegne zahlreichen Frauen, die im Alltag die traditionelle Aymara-Tracht tragen. Einen Melonen-Hut wie Charlie Chaplin, dicke Strümpfe und einen enggeschnürten, voluminösen Rock. Spannender Fakt? Der Rock reicht bis zu den Knöcheln, weil die Wade als attraktivster, weiblicher Körperteil gilt. Und das Schönheitsideal sieht so aus: Je grösser die Wade, desto besser. Dies zeuge von Stärke. Und stark, das sind diese Ladies garantiert. In selbstgemachten Körben und farbenfrohen Wickeltüchern tragen sie geballte Ladungen an Lebensmittel & Co. die steilen Strassen hoch und runter. Und nicht zu vergessen: Wir bewegen uns hier wieder in der dünnen Luft. La Paz liegt auf anstrengenden 3.640 M.ü.M. und El Alto, ein Stadtteil, gar auf über 4000 M.ü.M.!

Am besten nimmt man ein Gondeli, um entspannt in diese höheren Gefilde zu gelangen. Die Gondeln sind übrigens dem sonst sehr umstrittenen Präsidenten Herrn Morales zu verdanken. Immerhin ist das ein wirklich geglücktes Projekt, um den öffentlichen Personenverkehr in den sonst wahnsinnig verstopften Strassen von La Paz zu verbessern. Vorbildlich! Doch warum soll man genau nach El Alto? Nun, besonders sehenswert sind der Hexenmarkt sowie die „Feria 16 de Julio“. Am kilometerlangen Markt kann man praktisch alles kaufen: Von Schwarzmarktprodukten bis zu Körperteilen von Schaufensterpuppen, von Schweinen (lebend wie tot) bis zu Hühnerfüssen, von einer Tonne Ramsch bis hin zu Utensilien, die man effektiv gebrauchen kann – es ist alles dabei. Und die Hexenmärkte, nun, diä sind scho bitz gruslig. So kann man dort ohne Weiteres tote Llama-Föten, Skelette und Tinkturen shoppen. Solche Hexenmärkte besucht man besser mit dem notwendigen Respekt. Oder will öppä öpper verhäxt werdä?! Ja, man glaubt hier fest an Mythen, Sagen und Magie. Und natürlich auch an die Pachamama. Aber: Wofür sind ez gnau die Llama-Babies?

Einst opferte man vor dem Bau eines neuen Hauses stets ein (Menschen-)Baby. Ich schwanke zwischen Schaudern und Unglauben. Abei nei, alles ganz im Ernst! Und erstaunlicherweise werden bis heute ähnliche Zeremonien verfolgt, nur nimmt man dazu mittlerweile ein totes Llamababy. Immerhin! Zudem eines, das aus „natürlichen“ Gründen verstorben ist. Immerhin zum Zweiten! Dazu grad noch eine passende Anekdote: Aktuell baut La Paz ein neues Regierungsgebäude. Auf eine Opfergabe wurde im Konstruktionsprozess verzichtet. Und dann, für viele ganz unüberraschend, stürzte ein Arbeiter vom Hochhaus und verstarb. Die einen sind sich einig: „Pachamama hat hier ein Leben gefordert!“ Ich denke mir eher: „Kein Wunder, bei den fehlenden Sicherheitsstandards bei den hiesigen Bauprojekten.“ Aber hey, ich wills mer au nöd verscherze mit de Pachamama, also psst!

Weder Wandern, noch Skifahren: Hier dient die Gondel dem öffentlichen Personenverkehr. Ein innovativer Ansatz, um den vom Stau geprägten Strassen La Paz den Kampf anzusagen.

Mandarinen und Gegensätze

Mandarinen, so weit das Auge reicht. Sie sind hier am Rande des bolivianischen Dschungels das Haupteinkommen der Bauern. Von süss bis sauer ist alles dabei. Sälte hani so vill Mandarindli g’ässe. Auf den Trucks werden sie haufenweise in die Stadt gefahren und dort an den Grosshandel verkauft. Der Marktpreis für 100 Mandarinen liegt bei knapp zwei Dollar. Lächerlich tief. Später werden sie in Städte wie Sucre oder La Paz transportiert und dort wesentlich teurer weiterverkauft.

Ich frage mich, warum denn alle Bauern hier Mandarinen anbauen, obwohl das Land so fruchtbar ist? „Es sei halt einfacher, das Gleiche zu machen, wie alle anderen. Sicherheit und so. Man weiss, die Mandarinen gelingen. Ein Risiko einzugehen und plötzlich anderes anzupflanzen? Das kann sich hier fast keiner leisten.“ Das erklärt mir der Sohn der Nachbarn. Er hat studiert, ist Ingenieur. Doch er kam zurück, um den Hof seiner Familie auszubauen. Seine Idee sind Avocados, andere Früchte und mehr Milchwirtschaft. Sein Vater hat lange in Deutschland gelebt, in München Agronomie studiert und dort das Käsen erlernt. Abends essen wir selbstgemachten Tilsiter und ein Honigbier später zeigt mir der Papa seine Lederhos’n. Was füre Überraschig!

Nach einer Woche steht mein Abscheid an und ich setze mich in einen Truck mit einem Berg Mandarinen. Klassikär. Unterwegs laden wir noch einen Mann auf, der zu Fuss unterwegs zur Hauptstrasse ist. Die Strassen sind immer noch schlammig vom Regen. Er geht Barfuss mit ufegrugelete Hosebei, um die Flüsse effizienter zu passieren. Auch wir durchqueren den immer noch recht hohen Rio Piraí. Das braune Flusswasser strömt nur so ins Auto rein. Die Jungs lachen: „Todo bien!“

Ein paar Tage später besuche ich ein Street Food Festival in Santa Cruz. Europäische Preise, Skaterjungs mit Vans und Narcos-Schnauz treffen auf blondierte Mamis mit coolen Kinderwagen und teuren Handtaschen. Obwohl nur ein paar Kilometer entfernt, liegen Welten zwischen dem Dörfli ännet em Piraí und dieser so wohlhabenden Nachbarschaft hier. Gegenteile prallen aufeinenader. Die Ungleichheit könnte kaum extremer sein. Es gäbe in der Stadt zwar viel versteckte Armut, doch ebenso viel Wohlstand. Und Geld aus dem Drogenhandel. Obwohl ich es nicht zum ersten Mal erlebe und es sich überall auf der Welt in irgendeiner Form wiederholt, trifft mich dieser Kontrast. Es ist immer wieder schockierend, wie solche Gegensätze parallel aneinander vorbei existieren können. Schwester Lucy ist mit ihrem Lebenswerk definitiv am richtigen Ort. Sie ist und bleibt eine wirklich inspirierende Frau. Zugleich frage ich mich, wie auch ich etwas zurückgeben kann, obwohl ich nicht so selbstlos bin? Muss ehrlich zugeben, ein Leben als Nonne mit Heimatbesuch alle vier Jahre und so ganz ohne Männer, das wär nüt für mich. Aber um Gutes zu tun, muss man ja nicht immer in den Dschungel ziehen, oder?

Kann alles: Mit diesem Gefährt ist eine Flussdurchquerung mitsamt Passagieren und einer gefühlten Tonne Mandarinen kein Problem.

Auf Schulbesuch

Natürlich darf auch ein Besuch der Primarschule nicht fehlen. Direktor Juan führt mich stolz herum, stellt mir die Lehrertruppe sowie die Kids vor. Bienvenido! Ich käme gerade richtig, denn heute sei „Tag der Krankenschwester“. Zur Feier des Tages haben die Lehrer sowie Schüler eine Überraschung für Schwester Lucy vorbereitet. Die gesamte Schule versammelt sich draussen im Grünen. Die Kinder tragen selbstgeschriebene Reden vor, sie danken dem Einsatz der Krankenschwestern zum Wohl der Gemeinschaft. Was für ä herzigi Aktion! Dann geht der normale Schulalltag weiter. Die verschiedenen Klassenstufen sind pro Klassenzimmer aufgeteilt, vom kleinen Kindergarten bis zur 6. Klasse. Eine klassische Primarschule. Die Infrastruktur ist einfach, die Kids sind aufmerksam. Sie zeigen mir, wie sie Zahlen lernen, wie sie die Uhrzeit lesen, wie sie rechnen und den Zirkel beherrschen. Englisch wird nicht unterrichtet, wäre aber gewünscht. Gar die Lehrer bitten mich, ihnen Englisch beizubringen.

Als ich mit der Kamera um den Hals auf dem Pausenplatz rumspaziere, kommt ein Junge auf mich zu und will Fotos schiessen. Klar doch! Seine Familie habe auch eine Kamera zuhause. Ja, was? Der Rest der Kids weiss nicht so recht, wie das Fotografieren funktioniert. Einer nach dem anderen schiesst etwa hundert Nahaufnahmen von Nasenlöchern und Pupillen. Sie kreischen und lachen – ich auch. Ä Nahufnahm vo mim Ohrläppli hät mer grad no gfehlt.

In der Pause wird viel gespielt, doch es gibt auch den täglichen Znüni: Guetzli und gesüsste Milch. Calcium und so. Viele Kinder kommen aus ärmsten Verhältnissen und die Schule sorgt dafür, dass die Kids während dem Unterricht keinen Hunger haben. Hier geht’s darum, genügend Energie zum Lernen zu haben. Nicht um die Bikinifigur. Klar ist es nicht gut für die Gesundheit, zu viel Zucker zu essen – aber es ist auch nicht gut für die Gesundheit, gar nix zu essen. Bei den Kindersprechstunden auf der Krankenstation sah ich viele Kinder mit einem Vitaminmangel, die zugleich übergewichtig waren. Die Eltern oder Grosseltern tun wirklich alles, damit die Kinder gesättigt sind. Aber die Mittel sind begrenzt und eine ausgewogene, gesunde Ernährung ist leider zu oft ein Luxus.

Juan, der Direktor, äussert sich immer wieder sehr dankbar gegenüber Schwester Andrea. Sie baute diese Schule auf, so wie Lucy die Krankenstation auf die Beine stellte. Andrea ist leider vor einigen Jahren verstorben, man denkt hier aber tagtäglich an sie. Sehr oft fällt ein Satz wie „Ohne die Hermanas wäre das alles nie möglich gewesen. Heute können wir diesen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen, sie werden vielleicht wirklich einmal Polizisten!“ Tatsächlich träumen viele der Kids davon, irgendwann mal Polizist, Lehrer/in oder Ärztin zu werden. Ich drücke von Herzen die Daumen, dass die Zukunftsträume der Jungmannschaft in Erfüllung gehen werden.

Znüni-Ziit: Morgens kriegt jedes Kind ein Tassli voll gesüsster und mit Vitaminen angereicherter Milch sowie ein paar Guetzli.

Alltag auf der Krankenstation

Während meinem Besuch bei Schwester Lucy regnet’s während Tagen ununterbrochen. Der Rio Piraí steigt auf unüberwindbare sieben Meter an. Reissende Fluten schotten uns ab. Ganze Strassenabschnitte sind unpassierbar, Schlamm überall. Der Strom fällt für 48 Stunden aus. Abends ist es früh finster, nur ein paar Kerzen geben Licht. Die Geräusche aus dem Wald sind laut, intensiv und schön. Für die Krankenstation ist das Ganze jedoch weniger idyllisch. Dort fällt der Kühlschrank mit den Impfungen aus. Sie müssen zu einem Nachbarn evakuiert werden. Warum dieser Strom hat? De hät heimlich ä anderi Stromleitig azapft. Smart!

Als Lucy hier ankam, gabs aber weder Strom noch Telefonanschluss. Wie das damals mit dem medizinischen Minimum wohl zu und her ging? Als die Cholera ausbrach und sie die Menschen an Händen und Füssen mit Infusionen versorgten? Unvorstellbar! Lucy erzählt, dass man früher bei einem Notfall auch im Dunkeln sein Zeugs finden musste. Drum gilt bis heute eine präzise Organisation: Alläs hät sin Platz. Vor allem die Medikamentenkammer beeindruckt mich: Der Traum eines Inventar-Fetischisten. Die Medis selbst kommen meist aus Deutschland. Sie hangen zwar stets ewig am Zoll fest, denn Post zu empfangen, das sei bis heute schwierig. Aber Medis aus Europa seien einfach besser. Hier könne man zwar ein Paracetamol kaufen, aber ob auch Paracetamol drin sei?

Jeden Morgen warten die Menschen in einer langen Schlange vor dem Eingang. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen – wenn es die Strassenverhältnisse denn zulassen. Teils ist die Klinik ihre letzte Hoffnung. Hier gehts an erster Stelle darum, den Menschen zu helfen, Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. So verlangen Lucy und ihr Team von den ärmsten Patienten häufig nur einen minimalsten Unkostenbeitrag. Ein paar Rappen. „Man kennt sich halt und man weiss, wer nichts hat.“

In den Behandlungsräumen führen sie Behandlungen von ambulanten Patienten und Sprechstunden durch. Zudem gibts ein winziges Labor und einen Raum für kleinere Eingriffe. Die Infrastruktur ist für Schweizer Verhältnisse scho rächt alt, aber wird mit so viel Sorgfalt gepflegt, dass sie bestimmt nochmals weitere 40 Jahre im Einsatz bleiben kann. Auch Hausbesuche oder Impfbesuche im nahegelegenen Gefängnis gehören zum Alltag der Krankenschwestern. Das Team ist wahnsinnig familiär. Renato beispielsweise stiess vor über 20 Jahren als Krankenpfleger zum Team. Er musste in der Schule auf einer Matratze schlafen, weil es an Unterkunft fehlte. Doch er ist bis heute geblieben und ist mittlerweile sogar Arzt.

Ihr fragt euch, wie das hier alles finanziert wird? Gemäss Lucy stammen die Spenden aus dem Kirchen-Umfeld sowie aus privater Hand. Ich selbst hätte ja nie gedacht, dass ich mal so hinter die Kulissen sehen darf – doch hier auf der Krankenstation kann ich aus erster Hand sagen: Die Spenden gehen definitiv zu jenen, die es wirklich brauchen.

El Centro de Salud: Auf der Krankenstation herrscht eine familiäre Stimmung. Das Team besteht aus Lucy sowie zwei Ärzten und den Krankenschwestern aus Bolivien.