Bis auf Weiteres

Ich glaube, ich weiss jetzt, wie sich die berühmt berüchtigte Schreibblockade bei Autoren anfühlt (nicht, dass ich mich als eine solche betiteln würde). Es fiel mir tatsächlich in meinem ganzen Leben noch nie so schwer, ein paar Zeilen zu schreiben. Allgemein habe ich allergrösste Mühe, mich aufzuraffen, um überhaupt irgendwas zu erledigen. Auf meiner To Do Liste steht noch so einiges, doch die Motivation ist unterirdisch. Die Liste wird von Tag zu Tag länger und anstatt diese abzuarbeiten, kann ich mich nur für Kochen, Essen und Sport begeistern.

Natürlich suhle ich mich tagtäglich in den Erinnerungen der vergangenen zwei Jahre. Vor einem Jahr war ich in der Atacama Wüste, vor zwei Jahren auf Sumbawa in Indonesien. Und hüt so? Ja heute kommt mir das alles sehr surreal vor. Ich fühle mich so weit weg von all meinen Reiseerlebnissen, dass ich kaum eine Zeile dazu verfassen kann. Auch wenn ich noch einiges zu erzählen hätte. Die Laune stimmt einfach nicht. Sorry =/ !

Die Laune? Ganz ehrlich? Die ist aktuell ziemlich im Keller. Der Gegensatz der ultimativen Freiheit zur aktuellen Lage macht mir ganz schön zu schaffen. Natürlich gibt’s Tage, da denke ich: Hey, es geht allen so. Doch dann überkommen mich wieder die Fragen: Wie geht das jetzt alles weiter? Wie lange muss ich bin der Schweiz bleiben? Wo werde ich wohnen (wenn mein WG-Zimmer ab Ende Mai nicht mehr verfügbar ist) und woher kommt die Kohle (wenn mein Arbeitsvertrag per Mitte Mai ausläuft)? Die Airline hat meinen Flug vom 14. Mai nach Kanada bereits annulliert. Mein kanadisches Arbeitsvisum? Dessen Verarbeitung ist aktuell “bis auf Weiteres pausiert”. Zeithorizont? Keiner. Merci gäll. Und dann, wenn ich all diese rationalen Fragen irgendwie mit “Also guet, das muesch halt akzeptiere und ein Tag um de ander näh, es git Schlimmers uf dere Wält” abtue, dann kommt noch die emotionale Komponente hinzu. 

Mein emotionales Ich, das lässt sich aktuell am besten als ca. 4-jähriges, schreiendes und stampfendes Kind beschreiben, dessen liebstes Spielzeug gerade von einem fiesen, älteren Spielkameraden geklaut wurde. Genau so fühle ich mich. Meinem Spielzeug, meiner Freiheit, ja gar meinen Menschenrechten beraubt. Jaja, ich weiss, ich übertriibs jetzt gad es bitz. Und tief in mir drin weiss ich, dass es unverhältnismässig ist, so zu leiden. Aber die Emotionen sind die Emotionen und wie sagt man? “All feelings are valid”. OK DANKE.  

Mein emotionales Ich hält diese Ungewissheit fast nicht aus. Wie lange bin ich hier noch eingesperrt? Und wie lange geht es noch, bis ich meinen Liebsten (tönt schlimm, aber ich weiss nöd, wasi sust sell schribe: Freund? Partner? Boyfriend?) wieder einmal sehen darf. Dass die gemeinsamen Schweiz-Skiferien im März nicht stattfinden konnten, das habe ich mittlerweile akzeptiert und überlebt. Dass mein Visum aktuell feststeckt und vielleicht noch Ewigkeiten auf sich warten lässt, das muss ich schlucken. Ja, wenn’s gut läuft, dann kann ich vielleicht im Juli als Touristin nach Kanada reisen. VIELLEICHT! Was, wenn nicht? Was, wenn dieser Scheiss noch das ganze Jahr so weitergeht? Bis auf Weiteres? Dann chan ja no EWIG goh!

Ich ärgere mich über Grenzen, diese feinen Linien, die gezogen werden. Die ein “wir” und ein “die anderen” überhaupt erst verdeutlichen. Plötzlich (oder schon immer) schaut jeder nur für sich. Einst fühlte ich mich schlecht und beinahe etwas schuldig für meinen privilegierten Schweizer Pass. Und jetzt ist mir das gute Stück grad kein bisschen mehr Wert als ein Fötzel Altpapier (Achtung: Hier spricht / schreit das 4-Jährige Kind). Ich ärgere mich darüber, dass verheiratete Paare keine Reisebeschränkungen, unverheiratete Paare jedoch keine Chance auf dieselben Rechte haben. Sorry, aber was isch das für en Mischt? Ist deren Liebe denn mehr Wert und legitimer, nur weil sie vor dem Staat (und meinetwegen vor der Kirche) mit einer Unterschrift besiegelt wurde? COME ON!

Ja, ihr seht, ich teubelä. Vor Corona war mir das Gefühl von “Vermissen” nicht so bekannt. In den zwei Jahren habe ich nie auch annähernd “so sehr vermisst”, dass es geschmerzt hätte. Ich sehnte mich mal nach einem Abend mit Wein und meinen Freundinnen oder nach Schoggi und ungesüsstem Naturjoghurt. Und jetzt kehrt sich mir der Magen beim Gedanken an die Distanz und die Zeit, die bereits verging und noch vergehen wird. Es bricht mir bei jeder schlechten Neuigkeit aufs Neue das Herz (bspw. Verlängerung von EU-Grenzschliessungen, Einschränkungen im Flugverkehr etc.). Habt ihr übrigens gewusst, dass aktuell auch unsere Briefpost nicht mehr nach Kanada geht? Nicht mal sein Geburi-Geschenk konnte ich schicken! Alles wird einem weggenommen (hier spricht wieder das 4-Jährige Kind), määh!

Was würde ich geben, um einen Tag in Nicaragua, Kolumbien oder Peru nochmals zu erleben? Unsere Unbeschwertheit und das Schmieden gemeinsamer Pläne. Wie schön es war, jeden Tag so intensiv zu leben! Bald hätte unser sechswöchiger Roadtrip durch den Westen und Norden Kanada’s gestartet. Damals, im Dezember, da schien noch alles möglich und so aufregend. Und jetzt? Bhu, jetzt schiebt eine mindestens einmal pro Woche die Krise (ich) und einer findet selbst wenn alles Kacke erscheint, die richtigen positiven Worte (er).

Nei, ganz ehrlich: Wir machen schon das Beste draus. Corona-Home-Office sei dank, kann die Zeitdifferenz ganz gut überbrückt werden. Facetime sei dank, gibt’s Yoga-Sessions, virtuelle Schachspiele und jede Menge Video-Calls. Es ist nicht so, dass sich für uns viel geändert hätte. Die Träume und Pläne sind immer noch genau gleich, sie sind einfach in eine unbestimmte Ferne gerückt. Und bis dahin muss ich wohl versuchen, das mühsame Kind in mir etwas zu zähmen. 

PS: die Bilder sind in Granada, Nicaragua entstanden. Gemacht haben wir da nicht mehr viel, lediglich die letzten gemeinsamen Tage genossen und einen superduper Surftrip ausklingen lassen. Gut wussten wir damals noch nicht, dass aus dem „100 Tage Countdown“ bis zum Wiedersehen, einer auf „unbestimmte Zeit“ wird…

Chachapoyas alias Machu Picchu 2.0

Ja, ich war in Peru. Nein, Machu Picchu habe ich nicht gesehen. Auch das ein Thema, dass ich schon manchem erklären musste. Ja, natürlich hätte ich nach Cusco gehen können. Mit Sicherheit ist der Ort super eindrücklich, die Vielfalt an verschiedensten Sehenswürdigkeiten nahezu einmalig und das Aufeinanderprallen von Natur und Kultur atemberaubend. Ich war jedoch nicht mehr in der Stimmung, für irgendwelche Highlights. Zudem war jeder, aber wirklich ausnahmslos jeder beim Machu Picchu und ich habe so viele Bilder davon gesehen, dass ich mittlerweile glaube, selbst dort gewesen zu sein.

Nach eineinhalb Jahren unterwegs, sehnte ich mich stattdessen nur nach Routine. Nach einem eigenen Zimmer ohne schnarchende Nachbarn. Ich sehnt mich nach dem Auspacken des Rucksacks, in der Hoffnung, das verlegte Ladekabel oder die ein oder andere Speicherkarte in den verstaubten Ecken des 40L-Geschöpfts wiederzufinden. Fernab von Highlights und Sehenswürdigkeiten. Zum Glück fand ich diese Routine – mitsamt einem eigenen Zimmer und Schrank – in Huanchaco. Und nach knapp drei Monaten war ich dann wieder ready, um etwas Sightseeing zu betreiben. Was hämmer denn da so ide Nöchi? Usser Wüeschti und Meer? Einstimmig meinen alle Locals in Huanchaco: “Ihr müend nach Chachapoyas!”

Das Dorf liegt in den Anden, am Rande des Amazonas, im “Cloudforest” (Wolken-/Nebelwald, nicht Regenwald!). Es ist hier nicht tropisch feucht-heiss, wie im Amazonas. Trotzdem ist’s tropischer, als in anderen, sehr trockenen Andenregionen. Der Begriff Cloudforest erklärt also einiges. Viel grün, viele Wolken und regelmässige Niederschläge. 

Mit dem Nachtbus brechen meine Mitbewohnerin Giulia und ich auf – eine kurvenreiche, wackelige Fahrt mit viel Übelkeitspotential. Doch 13 Stunden später erreichen wir das kleine Dörfchen. Ein hübsch herausgepützelter Dorfkern, eine geschäftige Flanierstrasse mit zahlreichen Künstlern und Verkäufern von handgefertigtem Schnickschnack. Touristen zieht’s schon an, aber primär peruanische. Nur eine handvoll Gringas und Gringos hier. Was es zu sehen gibt? 

Einerseits die Kuelap Festung, das Highlight der Region. Unter Insidern gar das Machu Picchu des Nordens, das “noch unberührte Machu Picchu”, etc. bladibla. Kurz zusammengefasst: Die Chachapoyas, die dem Ort seinen Namen verleihen, waren ein Volk, wie die Inka eines waren. Sie lebten hier und haben um ca. 400 n.Chr. mit dem Bau der Kuelap Festung begonnen. Hoch auf einem Berg und mit wahnsinniger Aussicht über die umliegenden Täler thront die Anlage. Jap, das ist allemals einen Besuch wert. Das dachten sich wohl auch die peruanischen Tourismus-Verantwortlichen, die haben hier nämlich eine topmoderne Luftseilbahn hingestellt, damit die Besucher nicht mehr hochwandern müssen. Aha aha. Schade eigentlich, nöd? 

Nun, nebst der Kuelap-Festung gibts in der Region auch noch zahlreiche superschöne Wanderungen, unter anderem zu einem über 770m (!!) hohen Wasserfall. Und ganz, ganz viele andere Trails zu Schätzen aus vergangenen Zeiten. 

Was mir jedoch am besten gefiel? Die umliegenden Dörfer sind komplett abgeschottet vom Tourismus. Die Menschen leben hier ganz anders, als in Huanchaco oder Lima, als in Arequipa oder in “touristisch erschlosseneren” Gebieten. Mini-Busse oder Vans sind teilweise nicht verfügbar, so setzen wir uns in ein normales Auto-Taxi, gemeinsam mit drei anderen Personen und 3 Kindern. Plus noch der Fahrer. Zu neunt im Auto kurven wir durch die engen Strassen und werden irgendwo abgeladen, um die wunderschöne Natur zu erwandern. 

Jawohl, nach der dreimonatigen Pause habe ich dieses Sightseeing wieder so richtig genossen. 

Alltag in den Anden
Alltag in den Anden
Alltag in den Anden
Gocta Wasserfall
Gocta Wasserfall
Kuelap
Kuelap
Chachapoyas

Gedanken zum Volunteering in Peru und COVID 19

Wie viele von euch wissen, habe ich im letzten Jahr fünf Monate in Peru verbracht und für eine britisch-peruanische NGO gearbeitet. Einen Tag pro Woche unterrichtete ich in einer kleinen lokalen Primarschule Englisch, die übrigen vier Tage arbeitete ich im Büro der NGO.

Freiwilligenarbeit ist kontrovers – das ist ein grosses Thema. Kritiken wie moderner Kolonialismus, white saviour complex oder Voluntourism sind nicht unberechtigt und auch ich habe mir dazu meine Gedanken gemacht. Im Falle von meinem Arbeitseinsatz konnte und kann ich aber hinter dem Projekt HELP English stehen, weil hier ganz konkreter Bedarf seitens der Schulen an die NGO geäussert wurde. Der peruanische Schulplan sieht Englischunterricht nämlich als Pflichtfach vor, die Regierung kann aber – vor allem in diesen kleinsten öffentlichen Schulen in ländlichen Regionen – oftmals keine Lehrerinnen und Lehrer mit Englischkenntnissen stellen. Deshalb springen wir ein.

Dank einem strukturierten Lehrplan weiss ich jede Woche, was ich unterrichten werde. Jede Klasse hat ein eigenes Schulbuch mit verschiedenen Themen. Gestartet wird mit Buchstaben, der Aussprache von Wortlauten bis hin zu Grammatik, Zeitformen und Satzbildung. Klingt alles einfacher, als es eigentlich ist. So eine Schulzimmer-Situation ist in meinem Fall nämlich deutlich anders, als ich diese aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung habe. Von Disziplin, stillsitzen, zuhören oder konzentrieren keine Spur. Es ist so chaotisch, wie es nur geht. Oder isch das bi eus au so gsi?! Dabei hilft es wenig, dass wir zwischen 25 und 30 Kinder in einem Raum unterrichten, unter denen alle Fähigkeitsstufen vertreten sind.  In der hintersten Reihe sitzen sechs Kids mit starken Lernschwächen (bspw. in der zweiten Primarklasse noch keine motorischen Fähigkeiten, um den Farbstift korrekt zu halten und ein Bild auszumalen…) und vorne die ganz gerissenen, die auf jede Frage gleich die Antwort kennen und sie ungefragt rausposaunen. Kein Kommentar zu dieser Sitzordnung, meiner Meinung nach hilft diese nämlich niemandem…

Und ja: Einmal Englischunterricht pro Woche, das ist ein bisschen ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn ich ehrlich bin. Denn es ist nicht so, dass die Kids Hausaufgaben machen. Dass sie sich an gelerntes erinnern, ist eine riesige Hürde, die ich wahnsinnig unterschätzt habe. Selbst bei den Sechstklässlern können wir heute eine Aufgabe machen und ich denke “Mol, die händs checkt”. Und eine Woche später, hat keiner der Kids jemals was davon gehört und alle schauen mich nur mit grossen fragenden Augen an. Da hintersinnä ich mich scho, wie nachhaltig der Unterricht denn genau ist und was man hier verbessern muss / kann / soll… Am überraschendsten waren dann hingegen die Kindergärtler, die ja wirklich teils noch die winzigsten Knöpfe sind, aber ein super Erinnerungsvermögen haben. Sie erinnern sich jede Woche an alle Farben, viele Tiere und sogar die Zahlen. In Spanisch und Englisch!

Was mich vor allem jetzt, zu Zeiten von COVID19-bedingten Schulschliessungen beschäftigt, ist die Tatsache, dass viele dieser Kids in der Schule nicht nur lernen, sondern auch frühstücken und “beschäftigt werden”. Obwohl es mich beim täglichen Frühstück von O-Saft aus der Packung, einem Ei (ebenfalls in Plastik verpackt…) und einem Brötli ab und zu an die Grenzen brachte, wenn ein Ei durch’s Schulzimmer flog oder ich nach einer Umarmung zerkaute Ei-Resten in meinen Haaren fand, ist diese Mahlzeit extrem wichtig für die Schüler. Oftmals deckt dieses Frühstück einen relevanten Tagesbedarf an Kalorien, Vitaminen und Proteinen der Schüler ab.

Zudem sind viele Eltern nicht in der Lage, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Selbst unter “normalen Umständen” sind sie oft gezwungen, ihre Kids mit 12-14 Jahren aus der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu schicken, damit die Familie über die Runden kommt. In Momenten wie jetzt? Ich wett nöd dra dänke… In einem reichen, sozialen Staat wie der Schweiz zu leben, das ist das eine. Ja, hier werden milliardenschwere Hilfspakete geschnürt und der Wirtschaft sowie der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. In einem Entwicklungsland als Teil einer von Armut betroffenen Bevölkerung zu leben, ist etwas ganz anderes. Auch wenn mir die Massnahmen hier in der Schweiz vor wenigen Wochen noch “unverhältnismässig” vorkamen, hat sich das inzwischen geändert. Zu sehen, wie bei uns und in Nachbarländern gekämpft wird, lässt mich nur mit Grauen daran denken, wie das die Entwicklungsländer in Asien und Südamerika treffen könnte/wird. 

Ein anderes Projekt der NGO in Huanchaco war zudem die Skate-Ramp. Sie wurde in einer Nachbarschaft gebaut, wo den Haushalten bis heute kein fliessendes Trinkwasser zur Verfügung steht, weil die Umsiedlung nach der Wetterkatastrophe El Nino nie korrekt stattgefunden hat. Warum dort? Weil es da gar keine Infrastruktur für Kinder und Jugendliche gibt. Somit haben die Kinder einen Ort, wo sie betreut Zeit verbringen können. Wo sie etwas lernen und kreativ sein können, sich bewegen und Spass haben können. Und das, während ihre Eltern die Zeit nutzen, einer Arbeit nachzugehen und Geld zu verdienen. Eine Art Kinderhort für alle Altersklassen. Nicht immer einfach, ein paar Pubertierende in die Schranken zu weisen, sie an die Helmtragepflicht beim Skaten zu erinnern und gleichzeitig Kleinkinder, die gerade knapp laufen gelernt haben, im Auge zu behalten.  

Das sind Projekte, hinter denen ich durchaus stehen kann und die bei der NGO auch wirklich gut funktionieren. Es gibt noch weitere Projekte, die ich ebenfalls gut finde, oftmals aber betreffend ihrer Nachhaltigkeit oder dem Empowerment-Faktor hinterfrage. Eine NGO sollte ja eigentlich etwas temporäres sein. Eine Institution, die während einer “Krise” etwas aufbaut, dann für das Empowerment der Community aufkommt und am Schluss die Verantwortung abgibt und sich zurückzieht. Wie das aussehen könnte? Zum Beispiel, dass auch die Lehrer unterricht erhalten und dann später selbst Englisch unterrichten können. Oder, dass lokale Jugendliche aus der nächstgrösseren Stadt, die Skate Ramp übernehmen und betreuen können. So, dass sich die Community gegenseitig selbst unterstützen und weiterbringen kann.

Bei beiden Projekten,  HELP Englisch sowie der Ramp, wurde in den letzten Monaten vermehrt mit lokalen Freiwilligen zusammengearbeitet und Verantwortung laufend übergeben. Das finde ich echt super und erstrebenswert, um auch dem Phänomen von “Voluntourism” entgegenzuwirken. Zudem war ich in Trujillo als Lehrerin mit dabei, als wir zum ersten Mal einen Abend lang eine Englisch-Sprachschule mit ca. 80 Erwachsenen in 6 Gruppen aufgeteilt unterrichtet haben. Das war eine sensationelle Erfahrung und wird auch weitergeführt. 

Und zu guter letzt möchte ich an dieser Stelle nochmals einen RIESEN Dank aussprechen. Und zwar an alle grosszügigen Spender, die an meinem Vortrag vom 23. Januar der IG Kultur Benken einen Batzen für die NGO hinterlassen haben. Es sind total sagenhafte CHF 1148.80 zusammengekommen, welche ich für das Projekt der Skate Ramp gespendet habe. Vor allem jetzt, wo Kinder nicht mehr zur Schule dürfen, stellt dies eine noch grössere Herausforderung für Eltern am Existenzminimum dar und ich bin überzeugt, dass die Spende nach bestem Wissen und Gewissen eingesetzt wird. 

Strukturierter Lehrplan: Der Unterricht findet mit gezielt dafür erarbeiteten Lehrbüchern und nach einem strukturierten Curriculum statt.

Wie geht’s weiter?

Liebe Leser,

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gestartet. Es ist zwar kein Neujahrs-Vorsatz, doch ich garantiere euch, es wird hier bald mit Erzählungen weitergehen! Wir hängen chronologisch noch etwas in Bolivien fest, doch ich werde euch ganz bald mehr aus Lateinamerika erzählen. Und zwar aus Peru, aus Kolumbien, aus Nicaragua und Costa Rica. Doch zuerst bitte ich noch etwas um Geduld.

Meine Aufmerksamkeit hat sich in den letzten Wochen nämlich ganz der Schweiz gewidmet. Kleinigkeiten wie Heimreisen, Akklimatisieren, Wäsche waschen oder Winterpullis und Socken aus den Untiefen der Zügelkartons herausfriemeln trafen auf grössere Vorhaben wie Job und Zimmer suchen sowie nach Zürich ziehen. Ist aber alles nur temporär, keine Angst, es wird auch im 2020 weiterhin viel zu erzählen geben!

Zudem wollte ich hier textlich noch nicht viel mehr aus Peru & Co. verraten, da ich von der IG Kultur Benken angefragt wurde, einen Vortrag mit Erzählungen aus den letzten zwei Jahren zu halten. Dieser wird am kommenden Donnerstag, 23. Januar 2020 um 20 Uhr im alten Gemeindehaussaal in Benken stattfinden. Wer will, chan do natürlich cho 😉

Hier geht’s zur Website von der IG Kultur Benken.

Bis bald,
Corina

Waden, Melonenhüte und Llamaföten

In La Paz sucht man Relikte der Kolonialzeit vergebens. Stattdessen überwiegen hier die Spuren der Aymara Kultur. Ich schlendere durch die Strassen und begegne zahlreichen Frauen, die im Alltag die traditionelle Aymara-Tracht tragen. Einen Melonen-Hut wie Charlie Chaplin, dicke Strümpfe und einen enggeschnürten, voluminösen Rock. Spannender Fakt? Der Rock reicht bis zu den Knöcheln, weil die Wade als attraktivster, weiblicher Körperteil gilt. Und das Schönheitsideal sieht so aus: Je grösser die Wade, desto besser. Dies zeuge von Stärke. Und stark, das sind diese Ladies garantiert. In selbstgemachten Körben und farbenfrohen Wickeltüchern tragen sie geballte Ladungen an Lebensmittel & Co. die steilen Strassen hoch und runter. Und nicht zu vergessen: Wir bewegen uns hier wieder in der dünnen Luft. La Paz liegt auf anstrengenden 3.640 M.ü.M. und El Alto, ein Stadtteil, gar auf über 4000 M.ü.M.!

Am besten nimmt man ein Gondeli, um entspannt in diese höheren Gefilde zu gelangen. Die Gondeln sind übrigens dem sonst sehr umstrittenen Präsidenten Herrn Morales zu verdanken. Immerhin ist das ein wirklich geglücktes Projekt, um den öffentlichen Personenverkehr in den sonst wahnsinnig verstopften Strassen von La Paz zu verbessern. Vorbildlich! Doch warum soll man genau nach El Alto? Nun, besonders sehenswert sind der Hexenmarkt sowie die „Feria 16 de Julio“. Am kilometerlangen Markt kann man praktisch alles kaufen: Von Schwarzmarktprodukten bis zu Körperteilen von Schaufensterpuppen, von Schweinen (lebend wie tot) bis zu Hühnerfüssen, von einer Tonne Ramsch bis hin zu Utensilien, die man effektiv gebrauchen kann – es ist alles dabei. Und die Hexenmärkte, nun, diä sind scho bitz gruslig. So kann man dort ohne Weiteres tote Llama-Föten, Skelette und Tinkturen shoppen. Solche Hexenmärkte besucht man besser mit dem notwendigen Respekt. Oder will öppä öpper verhäxt werdä?! Ja, man glaubt hier fest an Mythen, Sagen und Magie. Und natürlich auch an die Pachamama. Aber: Wofür sind ez gnau die Llama-Babies?

Einst opferte man vor dem Bau eines neuen Hauses stets ein (Menschen-)Baby. Ich schwanke zwischen Schaudern und Unglauben. Abei nei, alles ganz im Ernst! Und erstaunlicherweise werden bis heute ähnliche Zeremonien verfolgt, nur nimmt man dazu mittlerweile ein totes Llamababy. Immerhin! Zudem eines, das aus „natürlichen“ Gründen verstorben ist. Immerhin zum Zweiten! Dazu grad noch eine passende Anekdote: Aktuell baut La Paz ein neues Regierungsgebäude. Auf eine Opfergabe wurde im Konstruktionsprozess verzichtet. Und dann, für viele ganz unüberraschend, stürzte ein Arbeiter vom Hochhaus und verstarb. Die einen sind sich einig: „Pachamama hat hier ein Leben gefordert!“ Ich denke mir eher: „Kein Wunder, bei den fehlenden Sicherheitsstandards bei den hiesigen Bauprojekten.“ Aber hey, ich wills mer au nöd verscherze mit de Pachamama, also psst!

Weder Wandern, noch Skifahren: Hier dient die Gondel dem öffentlichen Personenverkehr. Ein innovativer Ansatz, um den vom Stau geprägten Strassen La Paz den Kampf anzusagen.

Mandarinen und Gegensätze

Mandarinen, so weit das Auge reicht. Sie sind hier am Rande des bolivianischen Dschungels das Haupteinkommen der Bauern. Von süss bis sauer ist alles dabei. Sälte hani so vill Mandarindli g’ässe. Auf den Trucks werden sie haufenweise in die Stadt gefahren und dort an den Grosshandel verkauft. Der Marktpreis für 100 Mandarinen liegt bei knapp zwei Dollar. Lächerlich tief. Später werden sie in Städte wie Sucre oder La Paz transportiert und dort wesentlich teurer weiterverkauft.

Ich frage mich, warum denn alle Bauern hier Mandarinen anbauen, obwohl das Land so fruchtbar ist? „Es sei halt einfacher, das Gleiche zu machen, wie alle anderen. Sicherheit und so. Man weiss, die Mandarinen gelingen. Ein Risiko einzugehen und plötzlich anderes anzupflanzen? Das kann sich hier fast keiner leisten.“ Das erklärt mir der Sohn der Nachbarn. Er hat studiert, ist Ingenieur. Doch er kam zurück, um den Hof seiner Familie auszubauen. Seine Idee sind Avocados, andere Früchte und mehr Milchwirtschaft. Sein Vater hat lange in Deutschland gelebt, in München Agronomie studiert und dort das Käsen erlernt. Abends essen wir selbstgemachten Tilsiter und ein Honigbier später zeigt mir der Papa seine Lederhos’n. Was füre Überraschig!

Nach einer Woche steht mein Abscheid an und ich setze mich in einen Truck mit einem Berg Mandarinen. Klassikär. Unterwegs laden wir noch einen Mann auf, der zu Fuss unterwegs zur Hauptstrasse ist. Die Strassen sind immer noch schlammig vom Regen. Er geht Barfuss mit ufegrugelete Hosebei, um die Flüsse effizienter zu passieren. Auch wir durchqueren den immer noch recht hohen Rio Piraí. Das braune Flusswasser strömt nur so ins Auto rein. Die Jungs lachen: „Todo bien!“

Ein paar Tage später besuche ich ein Street Food Festival in Santa Cruz. Europäische Preise, Skaterjungs mit Vans und Narcos-Schnauz treffen auf blondierte Mamis mit coolen Kinderwagen und teuren Handtaschen. Obwohl nur ein paar Kilometer entfernt, liegen Welten zwischen dem Dörfli ännet em Piraí und dieser so wohlhabenden Nachbarschaft hier. Gegenteile prallen aufeinenader. Die Ungleichheit könnte kaum extremer sein. Es gäbe in der Stadt zwar viel versteckte Armut, doch ebenso viel Wohlstand. Und Geld aus dem Drogenhandel. Obwohl ich es nicht zum ersten Mal erlebe und es sich überall auf der Welt in irgendeiner Form wiederholt, trifft mich dieser Kontrast. Es ist immer wieder schockierend, wie solche Gegensätze parallel aneinander vorbei existieren können. Schwester Lucy ist mit ihrem Lebenswerk definitiv am richtigen Ort. Sie ist und bleibt eine wirklich inspirierende Frau. Zugleich frage ich mich, wie auch ich etwas zurückgeben kann, obwohl ich nicht so selbstlos bin? Muss ehrlich zugeben, ein Leben als Nonne mit Heimatbesuch alle vier Jahre und so ganz ohne Männer, das wär nüt für mich. Aber um Gutes zu tun, muss man ja nicht immer in den Dschungel ziehen, oder?

Kann alles: Mit diesem Gefährt ist eine Flussdurchquerung mitsamt Passagieren und einer gefühlten Tonne Mandarinen kein Problem.

Auf Schulbesuch

Natürlich darf auch ein Besuch der Primarschule nicht fehlen. Direktor Juan führt mich stolz herum, stellt mir die Lehrertruppe sowie die Kids vor. Bienvenido! Ich käme gerade richtig, denn heute sei „Tag der Krankenschwester“. Zur Feier des Tages haben die Lehrer sowie Schüler eine Überraschung für Schwester Lucy vorbereitet. Die gesamte Schule versammelt sich draussen im Grünen. Die Kinder tragen selbstgeschriebene Reden vor, sie danken dem Einsatz der Krankenschwestern zum Wohl der Gemeinschaft. Was für ä herzigi Aktion! Dann geht der normale Schulalltag weiter. Die verschiedenen Klassenstufen sind pro Klassenzimmer aufgeteilt, vom kleinen Kindergarten bis zur 6. Klasse. Eine klassische Primarschule. Die Infrastruktur ist einfach, die Kids sind aufmerksam. Sie zeigen mir, wie sie Zahlen lernen, wie sie die Uhrzeit lesen, wie sie rechnen und den Zirkel beherrschen. Englisch wird nicht unterrichtet, wäre aber gewünscht. Gar die Lehrer bitten mich, ihnen Englisch beizubringen.

Als ich mit der Kamera um den Hals auf dem Pausenplatz rumspaziere, kommt ein Junge auf mich zu und will Fotos schiessen. Klar doch! Seine Familie habe auch eine Kamera zuhause. Ja, was? Der Rest der Kids weiss nicht so recht, wie das Fotografieren funktioniert. Einer nach dem anderen schiesst etwa hundert Nahaufnahmen von Nasenlöchern und Pupillen. Sie kreischen und lachen – ich auch. Ä Nahufnahm vo mim Ohrläppli hät mer grad no gfehlt.

In der Pause wird viel gespielt, doch es gibt auch den täglichen Znüni: Guetzli und gesüsste Milch. Calcium und so. Viele Kinder kommen aus ärmsten Verhältnissen und die Schule sorgt dafür, dass die Kids während dem Unterricht keinen Hunger haben. Hier geht’s darum, genügend Energie zum Lernen zu haben. Nicht um die Bikinifigur. Klar ist es nicht gut für die Gesundheit, zu viel Zucker zu essen – aber es ist auch nicht gut für die Gesundheit, gar nix zu essen. Bei den Kindersprechstunden auf der Krankenstation sah ich viele Kinder mit einem Vitaminmangel, die zugleich übergewichtig waren. Die Eltern oder Grosseltern tun wirklich alles, damit die Kinder gesättigt sind. Aber die Mittel sind begrenzt und eine ausgewogene, gesunde Ernährung ist leider zu oft ein Luxus.

Juan, der Direktor, äussert sich immer wieder sehr dankbar gegenüber Schwester Andrea. Sie baute diese Schule auf, so wie Lucy die Krankenstation auf die Beine stellte. Andrea ist leider vor einigen Jahren verstorben, man denkt hier aber tagtäglich an sie. Sehr oft fällt ein Satz wie „Ohne die Hermanas wäre das alles nie möglich gewesen. Heute können wir diesen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen, sie werden vielleicht wirklich einmal Polizisten!“ Tatsächlich träumen viele der Kids davon, irgendwann mal Polizist, Lehrer/in oder Ärztin zu werden. Ich drücke von Herzen die Daumen, dass die Zukunftsträume der Jungmannschaft in Erfüllung gehen werden.

Znüni-Ziit: Morgens kriegt jedes Kind ein Tassli voll gesüsster und mit Vitaminen angereicherter Milch sowie ein paar Guetzli.

Alltag auf der Krankenstation

Während meinem Besuch bei Schwester Lucy regnet’s während Tagen ununterbrochen. Der Rio Piraí steigt auf unüberwindbare sieben Meter an. Reissende Fluten schotten uns ab. Ganze Strassenabschnitte sind unpassierbar, Schlamm überall. Der Strom fällt für 48 Stunden aus. Abends ist es früh finster, nur ein paar Kerzen geben Licht. Die Geräusche aus dem Wald sind laut, intensiv und schön. Für die Krankenstation ist das Ganze jedoch weniger idyllisch. Dort fällt der Kühlschrank mit den Impfungen aus. Sie müssen zu einem Nachbarn evakuiert werden. Warum dieser Strom hat? De hät heimlich ä anderi Stromleitig azapft. Smart!

Als Lucy hier ankam, gabs aber weder Strom noch Telefonanschluss. Wie das damals mit dem medizinischen Minimum wohl zu und her ging? Als die Cholera ausbrach und sie die Menschen an Händen und Füssen mit Infusionen versorgten? Unvorstellbar! Lucy erzählt, dass man früher bei einem Notfall auch im Dunkeln sein Zeugs finden musste. Drum gilt bis heute eine präzise Organisation: Alläs hät sin Platz. Vor allem die Medikamentenkammer beeindruckt mich: Der Traum eines Inventar-Fetischisten. Die Medis selbst kommen meist aus Deutschland. Sie hangen zwar stets ewig am Zoll fest, denn Post zu empfangen, das sei bis heute schwierig. Aber Medis aus Europa seien einfach besser. Hier könne man zwar ein Paracetamol kaufen, aber ob auch Paracetamol drin sei?

Jeden Morgen warten die Menschen in einer langen Schlange vor dem Eingang. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen – wenn es die Strassenverhältnisse denn zulassen. Teils ist die Klinik ihre letzte Hoffnung. Hier gehts an erster Stelle darum, den Menschen zu helfen, Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. So verlangen Lucy und ihr Team von den ärmsten Patienten häufig nur einen minimalsten Unkostenbeitrag. Ein paar Rappen. „Man kennt sich halt und man weiss, wer nichts hat.“

In den Behandlungsräumen führen sie Behandlungen von ambulanten Patienten und Sprechstunden durch. Zudem gibts ein winziges Labor und einen Raum für kleinere Eingriffe. Die Infrastruktur ist für Schweizer Verhältnisse scho rächt alt, aber wird mit so viel Sorgfalt gepflegt, dass sie bestimmt nochmals weitere 40 Jahre im Einsatz bleiben kann. Auch Hausbesuche oder Impfbesuche im nahegelegenen Gefängnis gehören zum Alltag der Krankenschwestern. Das Team ist wahnsinnig familiär. Renato beispielsweise stiess vor über 20 Jahren als Krankenpfleger zum Team. Er musste in der Schule auf einer Matratze schlafen, weil es an Unterkunft fehlte. Doch er ist bis heute geblieben und ist mittlerweile sogar Arzt.

Ihr fragt euch, wie das hier alles finanziert wird? Gemäss Lucy stammen die Spenden aus dem Kirchen-Umfeld sowie aus privater Hand. Ich selbst hätte ja nie gedacht, dass ich mal so hinter die Kulissen sehen darf – doch hier auf der Krankenstation kann ich aus erster Hand sagen: Die Spenden gehen definitiv zu jenen, die es wirklich brauchen.

El Centro de Salud: Auf der Krankenstation herrscht eine familiäre Stimmung. Das Team besteht aus Lucy sowie zwei Ärzten und den Krankenschwestern aus Bolivien.

Zu Besuch bei Schwester Lucy

Ich sitze auf dem Rücksitz eines massiven 4WD Trucks und bin auf direktem Weg in den Dschungel. Was ich dort mache? Eine Schweizer Ordensfrau auf Mission besuchen. Wie es soweit kam? Im 2018 hat mir ein lieber Leser dieser Kolumne die Koordinaten seiner Tante 2. Grades in Bolivien anvertraut. In Sucre kontaktiere ich die Schwester Lucy dann spontan – ja, WhatsApp Calls funktionieren auch hier – und wenige Tage später bin ich schon unterwegs! Wir verlassen die Stadt Santa Cruz südwärts, biegen in einem kleinen Dörfli rechts ab und durchqueren noch kurz einen breiten Fluss, den Rio Piraí. Dieser ist zurzeit ungefähr hüfthoch. Etz isch au klar, wieso das so es riese Gfährt vome Auto isch! Auf der einzigen, schlammigen Strasse geht’s tiefer in den Busch hinein. Dann erscheint aus dem Nichts ein „Dörfli“. Ein paar Hüsli, nicht mehr. Hier ist es also, das Zuhause von Lucy. Eine kleine Schule, eine noch kleinere Krankenstation und das Wohnhaus der Nonnen: Schwester Lucy und Hermana Margerita. Und die zwei knuddligen, übergrossen Schäferhunde Balu und Sämi.

Für eine Millisekunde fragte ich mich im Vorfeld aber schon: Isches ächt es Problem, dass ich nöd religiös bin? Sind meine Tattoos zu auffällig oder gar anstössig? Doch Fehlalarm. Ganz im Gegenteil: Lucy, Margerita und alle Menschen, die ich vor Ort kennenlernte, haben mich mit den herzlichsten, offenen Armen empfangen.

Während einer Woche erkunde ich die Umgebung, treffe Nachbarn und sauge die Erzählungen von Lucy nur so auf. Die 76-jährige lebt hier seit über 44 Jahren und hat die Krankenstation na dis na auf- und ausgebaut. Zuvor war sie in Südafrika und bildete dort Krankenschwestern aus. Während der Apartheid! Stellät eu vor! Dann kam sie nach Bolivien, als die Szenen hier noch ganz anders aussahen. Ich blättere durch alte Fotoalben, sehe Krankheiten wie Lepra. Eine Infrastruktur gabs schlichtweg nicht. Strassen und Verkehrsmittel? Nada. Fünf Stunden wandern oder mit dem Pferd zwei Stunden ins Dörfli reiten. Geschichten gibt es viele, man könnte (sollte) ein Buch füllen. Einmal, da hätten sie für den Muttertag Mehl und Zucker eingekauft, damit die Kinder in der Schule backen können. Und dann war der Fluss so hoch, dass sie mitsamt dem Pferd beinah ertrunken wären und alles nass wurde. Das Mehl und den Zucker hätten sie trotzdem verwendet, den Müttern habe es geschmeckt. Auch von Schlangen im Garten ist die Rede, von Einbrechern, die sich im Kleiderschrank versteckten und von Flüchtigen aus dem nahegelegenen Gefängnis, die nachts anklopften und um Hilfe baten.

Darauf angesprochen, ob sie denn kein Tagebuch habe oder ihre Lebensgeschichte niederschreibe, meint Lucy nur: Ach, dafür habe ich keine Zeit – villicht spöter, wänni nümme so guet z’Fuess bin! Ich hingegen bin mit dem Erzählen noch nicht fertig und berichte euch nächste Woche mehr zum Alltag auf der Krankenstation.

Anspruchsvolle Strassenverhältnisse: Mit dem maximalstem Allrad geht’s zuerst durch den Fluss, dann durch den Schlamm.

Chicha, Caseritas und Pachamama

In Sucre prallen Einflüsse verschiedener Nationen und Kulturen aufeinander. Hier eine weisse Kathedrale, dort traditionell gewebte Stoffe der Jalq’a Kultur. Sucre war während der Spanischen Herrschaft eine bedeutende Stadt, das kann man nicht verleugnen. Die unzähligen Kolonialbauten und die Gegenwart von über einem Dutzend Kirchen auf engstem Raum sind eindeutige Spuren. Apropos Kirchen: Diese sind unterirdisch alle mit Gängen verbunden. Die Spanier hielten das Tunnelsystem im Falle einer Revolution als Fluchtroute bereit. Wir selbst klettern in einen solchen Tunnel und lauschen einer fürchterlichen Geschichte: Einst fand man hier drin jede Menge Babyskelette von unehelichen Kindern der Nonnen. Heftig, aber leider auch nicht ganz so überraschend. Ich hingegen frage mich, wieso ich nun schon wieder auf allen Vieren unter der Erde rumkrieche?! Aber ja.

Ab dem 16. Jahrhundert verdienten die Spanier & Co. ihr Geld zwar in Potosi, lebten aber lieber in Sucre. Drum ist die Demografie der Stadt bis heute sehr multikulturell. Auch seien die Menschen hier sehr offen, es gäbe kaum Rassismus-Probleme gegenüber Nachkommen der indigenen Völker. Das sei in La Paz leider anders. Doch warum lebt(e) es sich in Sucre so angenehm? Der Höhe wegen: Mildes Klima, fruchtbares Land und zudem kann man hier entspannt atmen. Ich muss zugeben, auch ich spaziere wesentlich gemütlicher und ohne eine halben Herzkasper. Ächli durch das Markttreiben bummeln, frische Früchte einkaufen und der Caserita noch ein “Yapita” abschwatzen. Läuft! Die Caserita ist übrigens die Marktfrau. Sobald man „seine Caserita“ gefunden hat, ist man praktisch zur Stammkundschaft verpflichtet. Dafür kriegt man aber bessere Preise und eben auch ein Yapita. Das kann ein Probiererli einer neuen Frucht oder etwas Nachschub beim frischgepressten Saft sein. Oder no bitz meh Chicha! Das ist ein alkoholisches Getränk aus Mais und wird oft aus einem Glas mit Brüsten getrunken. Jap, richtig gelesen. Ein älterer – zimli sicher betrunkenä Herr – erklärt mir im heiligen Ernst, dass ein Kind seine Stärkung ja auch aus den Brüsten der Mutter kriege. Deshalb würden die Männer den Chicha auch „aus den Brüsten“ trinken. Si, claro. Und immär dra dänke: Dä ersti Schluck muess an Bodä gleert werdä! Das macht man nämlich so, um die Pachamama zu ehren. Sie ist die Göttin der Fruchtbarkeit, die alles Leben kreiert: Mutter Erde. Darum geht der erste Schluck „in die Erde“.

Auch spannend: Für die Jalq’a – ein anderes indigenes Volk – ist die Hölle der fruchtbarste Ort, wo alles Leben entsteht. Auf ihren Teppichen und Läufern stellen sie häufig das bunte Treiben in der Hölle dar. Dabei ist der Mensch meist nur ein kleiner Knirps zwischen Insekten, Kühen und anderen Kreaturen. Was das bedeutet? Sie sahen uns Menschen nur als unwichtige Spezies im grossen Tierreich. Das find ich ja mal en schöne Asatz!

Herzig: Die Spanier liessen sich bei der Namensgebung dieser Gassen von den pelzigen Bewohnern inspirieren. Hier regierte el Gato Negro (schwarze Katze), nebenan el Gato Blanco (weiss) und zu guter letzt gabs noch el Gato Pendenciero (zänkisch).