Silber, Silber, Silber

Potosi’s Stadtkern empfängt uns mit farbigen Bauten im Kolonialstil. Alles fein säuberlich herausgeputzt. Nume für d’Touris? Nein, eher eine Zeitreise! Ein Blick in die Vergangenheit, in die Zeit von Reichtum und wirtschaftlichem Boom. Doch warum? Silber, Silber, Silber.

Die Spanier haben dieses im 16. Jahrhundert im Berg „Cerro Rico“ entdeckt und den Silberrausch ausgelöst. Der Start einer jahrhundertelangen, heute noch stattfindenden Ausbeutung. Silber und andere Edelmetalle werden nämlich nach wie vor abgebaut: Rund 7’900 Minenarbeiter arbeiten hier. Ich habe spontan entschieden, unter Führung eines Ex-Minenarbeiters an einer Tour in der Mine teilzunehmen. Im Nachhinein muss ich zugeben: Wiederholen würde ich es nicht. Das waren mit Abstand die längsten eineinhalb Stunden meines Lebens.

Ausgerüstet mit Getränken, Snacks und Dynamit gehts zur Mine. Den Dynamit zum Sprengen müssen die Arbeiter nämlich selbst kaufen. Sie leben mit ihren Familien direkt neben dem Tunneleingang. Ein scheinbar kleines Loch, das von alten Holzbalken gestützt wird. Genau so, wie man es aus alten Western-Filmen kennt. Da müend mir abechlättere!? Stirnlampe an und ab gehts in die Dunkelheit. Auf einer Leiter kraxle ich den engen Tunnel runter. Immer wieder können wir uns nur geduckt oder auf allen Vieren fortbewegen. Mir ist himmelelend. Über mir zig Tonnen Gestein. Was, wänn das alles zämekracht?! In die stützenden Holzpfosten hab ich wenig Vertrauen.

Unser Guide erzählt, wie er hier als 14-Jähriger arbeitete. So wie sein Vater und Grossvater. Eine Ausbildung hat hier keiner, ihr Wissen gibt die ältere Generation der Jungmannschaft. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter liege bei 45 Jahren. Lungenkrebs. Der Feinstaub ist aggressiv, doch von Filtermasken keine Spur. Die Männer glauben, dass das Kauen von Coca-Blättern als natürlicher Filter funktioniert. Ehm ja. Sie beten zudem aufrichtig zum El Tio, dem Gott der Unterwelt. Bitten ihn um Sicherheit und Schutz. Wir setzen uns neben eine solche El Tio Statue, die mit Zigaretten, Alkohol, Cocablättern oder Guetzli beschenkt wurde. Hier weist uns der Guide an, unsere Stirnlampen ausmachen. Gesagt, getan. Während einer Minute sitzen wir in der dunkelsten Dunkelheit, die ich je erlebt habe. Hunderte Meter in einem Berg drin. Mein Puls pocht mir in der Stirn, ich bin den Tränen nahe.

Zurück im Sonnenlicht atme ich zwar durch, doch der Nachgeschmack dieser Erfahrung sitzt mir lange in den Knochen. Denn die Minenarbeiter klettern nach wie vor tagtäglich da runter. Mein kurzer Einblick in ihr Leben steht in keinem Verhältnis zu ihrer Realität. Und wofür? Für Rohstoffe, die nach Asien exportiert und in Mikrochips für unsere Kameras, Handys, Laptops verarbeitet werden. Das Ganze widerspiegelt wiedermal unser System, die Ungleichheit und eine Wertschöpfungskette, die wir viel zu wenig hinterfragen.

Dünne Luft: Potosi liegt auf 4067 Metern über Meer und ist eine der höchstgelegenen Städte der Welt. Im Hintergrund thront der Berg „Cerro Rico“.

Ganz schön salzig hier

Das wohl berühmteste Highlight auf der Durchreise von Chile nach Bolivien ist die Salar de Uyuni. Sie wird mal als Salzsee, dann als Salzpfanne, als Salzwüste oder gar als Salzdepot beschrieben. Der Begriff Depot scheint nahegelegen, da hier in der Tat mehrere Milliarden Tonnen Salz rumliegen. Schneeweiss (oder salzweiss?) blendet’s bis zum Horizont.

Wir übernachten im nahegelegenen Salzhotel. Geschlafen wird auf Salzbetten. Ob mit Salzwasser geduscht wird? Nein. Aber beim Znacht fordern uns ein paar Jungs heraus, den Tisch abzulecken. Wie bitte?! „Ja, kän Witz, probierät mal!“ „Sicher nöd!“ Eine gute Flasche Wein später lecken wir tatsächlich am Tisch und siehe da: Auch der ist aus Salz! Kein Kommentar. Vor dem Zubettgehen gibt unser Guide dann die Anweisung: Bringt morgen Flipflops mit! Ehm okay, Temperaturen für Flipflops herrschen hier keine. Im Gegenteil: Es ist immer noch eiskalt. Und nach wie vor macht uns die Höhe zu schaffen. Die Luft ist so trocken, dass mir beim Lachen ständig die Lippen aufreissen. Da hilft auch das fleissige Cremen wenig. Beim Zähneputzen stäubt es nur so. Autsch.

Am nächsten Morgen gehts dann in aller Frühe los, um den Sonnenaufgang über Uyuni zu betrachten. Das Szenario ist besonders spektakulär, weil ein Teil des Salzsees unter Wasser ist. Das eiskalte Nass reicht bis knapp über den Knöchel und sorgt für sensationelle Spiegelungen. Jetzt wissen wir auch, weshalb wir in Flipflops munitioniert dastehen. Die Trekkingschuhe in der Salzlösung zu baden, wäre nicht so ideal gewesen. Nur hat keiner erwähnt, wie eisig dieses Wässerli hier ist. Es lebe der Gefrierpunkt von Salzwasser. No nie i mim ganze Läbe hani so en Chüänägeler gha! Zurück im Auto müssen die Füsse zuerst wie verrückt wiederbelebt werden. Nach einer halben Stunde fliesst das Blut endlich wieder normal. Und die Schuhe? Diese erstarrten in einer getrockneten, millimeterdicken Salzkruste. He nei, was für e Aktion! Eine kleine Überraschung gibts dann doch noch: Eine Kaktusinsel in der Mitte der Salzwüste. In diesem salzigen Umfeld kommen ja sonst – logischerweise – fast keine Lebewesen vor. Aber auf der Isla Incahuasi florieren die riesigen Kakteen wie wild. Wie das alles dahin kam? Es handelt sich bei dem Gestein um die Überbleibsel eines über 40’000 Jahre alten Vulkans.

Das Städtchen Uyuni selbst ist wiederum ein trauriger Fleck. Lieblos, mit viele unfertigen Gebäuden wiederspiegelt der Ort eine harte Realtät: Der Boden ist zum Anbau von Lebensmittel nicht geeignet, Wasser bleibt ein rares Gut und die Witterungen sind gnadenlos. Wie ein Mahnmal erinnert ein rostiger Eisenbahnfriedhof daran, wie hier vor hundert Jahren Edelmetalle an die chilenische Küste chauffiert wurden. Florierende Wirtschaft oder Ausbeutung? Ein Thema, das hier leider bis heute noch genauso aktuell ist und mich in Bolivien weiterhin beschäftigen wird.

Unreal: Zuerst absolute Dunkelheit, ein klarer Sternenhimmel und dann, mit der aufsteigenden Sonne, verwandelt sich alles ein Gemälde aus Pastellfarben.

Vollgas durch die Wüste

Beim Grenzübergang Hito Cajon auf 4’480 Metern kämpfe ich zum ersten Mal so richtig mit der Höhe. Mir ist superschlecht und ich kann kaum 20 Meter laufen, ohne dass mir das Herz in der Stirn pocht. Kurz den Pass stempeln und los geht die eigentliche Reise: Hola Bolivien! Im 4×4 Überlebensmobil begeben wir uns für drei Tage auf Entdeckungstour. Gestartet wird im Nationalpark Reserva Nacional de Fauna, wo wir mit Vollgas durch den Wüstensand brausen. Vorbei zieht die weite, karge Landschaft. Für Abwechslung sorgen dann idyllische Lagunen. Welch surreale Farbwelt: Violett trifft auf Hellgrün, auf Gelb und auf Hellblau. Rundherum das süsse Nichts. Flamingos spazieren durch die Laguna Blanca. Wovon diese leben? Sie fressen Algen. Wie das Überleben von Pflanzen hier überhaupt möglich ist? Der Mineralgehalt der Lagune erlaubts! Die verschiedenen Mineralstoffe sind es auch, die ein solches Farbenspiel erst erlauben. Später besuchen wir ein Geysir-Feld, wo alles in türkis, grau und orange brodelt und spritzt. Und dann verändert sich die Landschaft: Einsame Felsformationen prägen die pittoreske Salvador-Dali-Wüste. Sie macht ihrem Namensgeber alle Ehre, so scheinen diese Szenen glatt einem seiner Gemälde entsprungen zu sein. Oder umgekehrt.

Geschlafen wird am wohl kältesten Ort aller Zeiten. Ich habe gedacht, kälter als Patagonien muss ich nie (üb)erleben. Denkste. Die Nacht verbringen wir in einem sehr simplen Refugio, mitten in Nirgendwo. Der Sternenhimmel ist mal wieder zum Greifen nah, doch so richtig geniessen können wir das nicht. Viel zu kalt hier! Wie zwei unbewegliche Raupen bibbern wir uns auf dem Steinbett in den Schlaf. Unter fünf Schichten aus Klamotten, Schlafsack und Decken begraben. Nachts wache ich auf und kann kaum atmen. Das liegt teils an der Raupen-Situation, aber primär an der dünnen Luft auf über 5’000 M.ü.M.

Für mittleres Erstaunen sorgt aber unser Fahrer und Guide. Meist erzählt er uns Spannendes. Nur an einem Punkt erklärt er, dass die besonderen Gesteinsschichten dieser Landschaft hier nach der biblischen Sintflut entstanden seien. Ich verbleibe kurz ungläubig, ob es sich dabei um einen Witz handelt? Aber nei, alles im heilige Ernscht! Doch schockieren tut mich das nicht. Ist halt eine andere Realität. Schockieren tun mich vielmehr – mal wieder – die Touristen. Ein ignorantes Volk, das teils Sondergleichen sucht. Besuchen wir eine Felsformation, die Millionen Jahre alt ist (oder halt so alt wie der Noah und seine Arche). Der Fahrer sagt: Betreten verboten, man weiss nie, wann etwas instabil ist. Und spricht ja nüt gäg es bitzli Respekt vor de Natur, oder? Was denkt sich die Tourimasse? Los, raufklettern! Gefühlt auf jeden Stein muss man sich draufstellen. Hier fürs Foto posen, dort ranhängen und für Instagram grinsen. Ich kann kaum hinschauen. Und dann erklingt mir Mami’s Stimme im Ohr: Bis eine brüelt…

Ein Farbenspiel: Abhängig von der Windstärke, dem Sonnenlicht und dem Mineralgehalt im Wasser wechseln die Lagunen ihre Farbe. Nur die Flamingos bleiben pink.

Wo der Mond auf die Sterne trifft

Wie vielseitig Chile ist, hab ich ja schon mehrfach erzählt. Nun kommt aber noch eine neue Dimension von Naturgewalt hinzu: Die Atacama-Wüste im hohen Norden. Auf der Durchreise nach San Pedro de Atacama lande ich in Calama. Ein trauriger Fleck. Aber eins ums andere. Spät abends komme ich an und checke in mein Hostel ein. Der erste Eindruck: Höchst interessantes Innendesign hier. Ich blicke in zwei identisch aussehende Gänge mit einer Reihe von Einzelzimmern. Alles pink gestrichen. Die Wände pink, die Decken pink. Auch das Mobiliar im Zimmer, alles pink. Die Bettdecke gar pinkes Leopardenmuster. In was für einem Etablissement bin ich denn hier gelandet?! Aber falsch gedacht, alles ganz jugendfrei hier. Doch am nächsten Morgen gehts schon weiter mit schrägen Eindrücken. Auf der Suche nach Frühstück finde nur betrunkene Männer und sust bitz kurligi Gstalte. Von Bananen oder einer Panaderia mit Brötli keine Spur.

Des Rätsels Lösung? Calama ist eine Minenstadt. Unweit von hier liegt die grösste Kupfermine der Welt: Chuquicamata. Das könnt ihr mal googlen, um einen Einblick in die Zustände dort zu erhalten. Einst lebten die Minenarbeiter im Dorf Chuquicamata selbst, doch dann wurden sie alle nach Calama umgesiedelt. Mir gefällts hier nicht, muss es aber auch nicht. Bald sitze ich nämlich im Bus nach San Pedro de Atacama. Die Fahrt führt vorbei an den in scheinbar jedem Land wiederkehrenden Güselbergen. Alias Landfills. Dann, aus dem Nix, erkennt man eine kleine Oase: San Pedro. Es paar Hüsli, e Schuel und di klassischi Touriste-Strass. Tourenanbieter und Alpakapullis wo das Auge hinschaut. Trotzdem hat San Pedro mit den seinen Adobehäusern (aus Lehm) und Erdtönen einen gewissen Charme.

Gemeinsam mit einer Freundin verweile ich hier ein paar Tage, um die Atacama Wüste zu erkunden. Im Angebot stehen Geysire, Lagunen und gar eine Mondlandschaft. Da wollen wir hin. So mieten wir tatsächlich ein Fahrrad und brechen auf ins Valle de la Luna. Fahrradfahren auf 2’500 M.ü.M.?! Muss würkli zuegäh, ich merks gröber. Die Lunge pocht. So war ich vorher monatelang auf Meereslevel. Trotzdem radeln wir die Hügel hoch wie die Wilden, teils gar im Sand. Gad echli gschpuelet. Wir wandern über Dünen und sinken ein bis über die Knöchel. Wir erklimmen Felsen, finden Salzresten und fühlen uns bitz wie der Marsianer. Nur halt ufem Mond. San Pedro hat aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Von hier kann man nämlich wunderbar die Sterne betrachten. Lustigerweise treffen wir im Hostel ein paar Jungs mit Auto und fahren nachts raus in die Wüste. Dort, im Finstern, da ganz ohne Lichter, sieht man die Milchstrasse sowie Sternkonstellationen nämlich am besten. Wie der Zufall es so will, sind die Jungs nicht nur Fotoprofis. Nein, einer studierte gar Astronomie und Astrophysik! Er holt mir zwar nicht die Sterne vom Himmel, erklärt mir aber das ganze Universum.

Wie auf dem Mond: Im Valle de la Luna fühlt man sich wirklich wie auf Expedition. Im Hintergrund erkennt man zudem die weissen Salzresten

Auf Pablo Neruda’s Spuren

In Valparaiso begrüsst mich zuerst mal ein Terremoto. Was das isch? Ein Erdbeben! Jedoch nicht ein geologisches, sondern ein alkoholisches. Die Chilenen scheinen auf das Gebräu aus Pipeño (fermentiertem Wein) und Ananas Glacé regelrecht abzufahren. Ich weniger. Durchgeschüttelt hats mich nämlich echt heftig, so widerlich wars. Der Namensgeber hat wohl dieselbe Erfahrung gemacht. Der Vollständigkeit halber muss ich hier aber hinzufügen, dass Valpo seit eh und je immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird. Passt aso scho.

Geschichtlich kann man hier noch ein bisschen mehr ergänzen: Valparaiso war dank dem direkten Meerzugang einst wichtigstes Handelszentrum Chiles. Und was eine Hafenstadt sonst noch so mit sich bringt? Na, die Klassiker natürlich: Dunkle, schäbige Ecken und verruchte Geschichten. Wilde Matrosen und so. Valpo ist heute noch immer es bitz schmuddlig, bitz dräckig und zimli kriminell. Aber auch kreativ, jung und frech. In der Tat gibts hier richtig schöne Ecken. Die Stadt verteilt sich nämlich über diverse Hügel, worunter der Cerro Alegre und Cerro Concepcion wohl die malerischsten sind. Farbenfrohe Häuser säumen die steilen Hänge und Pflasterstein ziert die Strassen. Hie und da verbinden alte Standseilbahnen die tieferen mit den höheren Gefilden. Richtig was fürs Auge! Mein liebster Augenschmaus sind aber die charakteristischen, farbigen Hüsli. Nume wieso gnau isch Valparaiso so e farbigi Stadt? Einst wurden beim Häuserbau Containermaterialien eingesetzt. Ist ja naheliegend, bei einer Hafenstadt. Das Material war anno dazumals günstig und auch wetterfest. Nur der Rost, der machte sich irgendwann bemerkbar. Deshalb wurden die Materialien stets neu gestrichen. Und zwar mit den Farben, die von den Schiffen im Hafen grad so verfügbar waren. Deshalb ist bis heute hier mal ein bisschen Grün, dort etwas Rot. Und ich muss schon zugeben, wenn alles so wahnsinnig bunt ist, dann erscheint mir selbst eine nach Urin stinkende Gasse irgendwie herzig.

Doch zum hübschen Stadtbild tragen auch die zahlreichen Graffitis ihren Teil hinzu. Streetart an Häuserwänden, ein berühmtes Klavier auf Treppenstufen oder hier und da ein provokativer Sticker? Alles dabei. Aber die Kunst ist nicht nur schön zum Anschauen, sondern regt auch zum Nachdenken an. Hier ein Graffiti über die Gentrifizierung, dort eines gegen Rassismus und natürlich darf auch das obligatorische Anti-Trump Material nicht fehlen. Durchaus gesellschaftskritisch und philosophisch gehts hier zu und her. Kein Wunder lebte Pablo Neruda, der berühmte chilenische Dichter und Literaturnobelpreisträger, ebenfalls in Valparaiso. Sein ehemaliges Wohnhaus, die „Sebastiana“, ist heute ein beliebtes Museum. Hoch über der Stadt thront sie mit Blick auf die Bucht und die Hafenkräne. Mol, ich kann mir schon vorstellen, wie man hier beim Schreiben inspiriert wird. Träumen darf man, oder?

Farbenfrohes Valparaiso: Nicht nur weil alles so hübsch aussiehst, sondern weil es auf den Pflastersteingassen auch den ganzen Tag über steil rauf und runter geht.

Mehr als nur ein bisschen Meer

In Pichilemu dreht sich (fast) alles ums kühle Nass. Zum einen ist Pichi das Surfkapital Chiles. An der Ecke „Punta de Lobos“, einer Landzunge mit berühmter Felsformation, brechen weltklasse Wellen. Eine grösser als die andere. Stundenlang kann man den Profis zuschauen, wie sie von den tunnelförmigen Wassermassen nahezu verschlungen und in letzter Sekunde wieder ausgespuckt werden. Dass der Vibe in Pichilemu sehr surfy ist, kann einem kaum entgehen. Doch auch sonst scheinen die Einwohner hier eng mit dem Ozean verbunden. Viele Familien sind seit Generationen im Fischfang tätig. Gefangen wird nicht nur Fisch, sondern auch Cochayuyo. Känneter? Die bis zu zehn Meter lange Algenart gilt als lokale Berühmtheit, so nennt man Pichi auch das Cochayuyo-Kapital. Kulinarisch beurteile ich das Gewächs als herausfordernd. Man kann sie essen, muss man aber nicht. Ich habs probiert und vor allem im Sushiröllchen als gut befunden. Als Salat riechts sehr fischig, ist mit der nötigen Menge Koriander und Zwiebeln aber doch yummie.

Aber zurück zur Punta de Lobos. Hier leben nämlich nebst eingefleischten Surfliebhabern auch Seelöwen und eine Vielzahl Kakteen. Das Landschaftsbild ist wahnsinnig idyllisch, die Sonnenuntergänge ebenfalls. Damit das so bleibt, setzt sich die Fundacion Punta de Lobos für den Schutz und Rekultivierung der Landzunge als Lebensraum für ihre Tier- und Pflanzenarten ein. Und spannenderweise geht es auch um den Schutz der „Wellen“. Klingt im ersten Moment etwas schräg, nöd!? Wellen schützen und so. Was soll das? An einem Outdoor Filmabend lerne ich Spannendes: Unter dem Sternenhimmel schauen wir eine Doku über die Küstengebiete in Peru, die vor der Privatisierung und vor wirtschaftlichen Interessen geschützt wurden. Nämlich hat Peru dazu das Ley de Rompientes eingeführt: Ein Gesetz zum Schutz der Wellen. Dieses wird nun auch in Chile angestrebt. Einerseits zugunsten der traditionellen Fischer, damit diese nach wie vor ihrem Lebensunterhalt nachkommen können. Andererseits für die Surfcommunity und ihr liebstes Hobby. Um wessen Vorteil es hier primär geht, sei dahingestellt. Doch dass man die Küstengebiete nicht ständig verbaut und die Natur einfach mal sein lässt, das ist unterm Strich die Hauptsache.

Auch sonst lebt man hier einen ziemlich nachhaltigen Lifestyle. So war Pichilemu offenbar das erste Dorf in Chile, das als Pilotprojekt jegliche Plastiksäcke verbannte. Und bis heute verbannt hat. Auch auffällig: Es gibt praktisch fast keinen Laden mit neuen Klamotten. Stattdessen gibts etwa sechs Secondhand-Läden mit richtig viel Auswahl. Super Sach! Mir gefällt dieses Leben definitiv. Es hat alles, was man so braucht, aber keinen Reizüberfluss. Viel Zeit im und am Wasser verbringen und abends beim Lagerfeuer den Klängen einer Gitarre zuhören, bis die Sonne aufgeht? Keis Wunder, bin ich schlussändlich sächs Wuche do hange blibe.

Abendunterhaltung: Jeden Abend sitzen Freunde und Familien auf den Felsen bei „der Punta“ und beobachten die Surfer im Wasser, während im Hintergrund die Sonne untergeht.

Freundschaft geht durch den Magen

Meine Kommunikation in Pichilemu besteht vorerst mal aus Handzeichen. Hier deuten, dort winken. Zu uns gesellten sich nämlich noch zwei Kolumbianer, die ebenfalls kein Wort Englisch sprechen. Und eine Baaaaslerin! Nach ewiger Abstinenz ist jetzt zwar der Austausch auf Schwiizerdütsch gesichert, mein Spanisch jedoch so gefordert wie noch nie.

Gut hilft mir der vielbeschäftigte Alltag beim Lernen. Oder: Laht mer kei anderi Wahl. An Interaktionen mit der Anwohnerschaft fehlts auch jedenfall nicht. Jeden Mittwoch und Samstag geh ich auf die Feria, den lokalen Bauernmarkt. Dort kaufe ich frisches Gemüse und Früchte. Vor allem der Kürbis ist bombastisch. Nur beim Bezahlen herrscht stets Planlosigkeit: „Mil setecientos ochenta y nueve, por favor!“ Ein Schweizer Franken ist knapp 700 Pesos. Na Bravo. Bei den ersten paar Mal halte ich immer ein möglichst grosses Nötli hin. Und dann, plötzlich – auf wundersame Art und Weise – kann ich mir die Zahlen merken. Dasselbe gilt für die Namen der Lebensmittel, von Utensilien in der Küche, im Bad. Auch die Verben gehen zackig. Nur mit den gefühlt hundert Zeitformen hapert’s bis heute. Isch abr Wurscht, verstah duet mi glich jede. Ich quatsche mit dem Velomech, mit der Bäckersfrau, im Line-Up beim Surfen und mittlerweile auch ziemlich fliessend mit den Gästen an der Rezeption sowie am Telefon. Und im Notfall zücke ich ein paar französische Begriffe und versuche mein Glück mit einem „a“ oder „o“ am Wortende. Klappät imfall ganz guät!

Funktioniert hätte das alles aber nie, wenn ich nicht von einer so engen Community umgeben wäre. Stellt euch vor: Sieben Frauen 24 Stunden auf einem Haufen. Und kein Zickenkrieg. Stattdessen gibt’s wilden und herzhaften Austausch zu kulturellen Eigenheiten, politischen Situationen und Feminismus. Kein Wunder bei einem Trüppli aus einer Soziologin, einer Psychologin, einer Pâtissière, einer Grafikerin, einer Heiltherapeutin, einer Studentin und meiner Wenigkeit. Unser Hühnerhaufen analysiert auch die Männer des Kontinents. Wer ist denn nun der feurigste Lover!? Geduldig ertragen dies die Vertreter der männlichen Minderheit, unser Chef, ein Ingenieur und ein weiterer Freiwilliger, ein DJ.

Jeder führt mich in seine Kultur ein. Ich „muss“ spanische Klassiker-Songs singen, nächtelang zu Reaggeton tanzen und nachmittags um 14 Uhr eiskalte Margeritas mit Salzkruste trinken. Auch Pisco Sour und Rum gehören degustiert. Ich lerne, wie man venezolanische Arepas formt, schnipple ein Kilo Koriander für ein würziges, chilenisches Pebre und begiesse alles mit einer guten Flasche Carménère. Aus der Region, versteht sich. Fix mein neuer Lieblingswein. Ich realisiere, wie wertvoll gemeinsames Kochen und Dinieren sind. Wie es aus wild zusammengewürfelten Menschen eine Familie formen kann. Kaum zu glauben, dass ich dafür fast 26 Jahre gebraucht habe. Abr besser spaht als niä.

Mein Lieblingsverkäufer: Er hat leider keine grosse Auswahl an Lebensmittel, aber: Der gute Mann ist mit Abstand der einzige, der über Preisschilder verfügt. So lernt man Zahlen!

Auf zu neuen Küsten

Ich verabschiede mich von Santiago und meinem Reisebuddy. Ab jetzt gehts wieder alleine weiter. Muss ehrlich zugeben, dass mir das „Alleine Reisen“ mehr zusagt. Klar ists schön, Freundschaften zu schliessen, die über ein paar Tage hinausdauern. Und ich mag Erinnerungen schon gern mit Menschen teilen. Aber lieber mit Mehreren! Denn zu zweit unterwegs zu sein, das ist wie eine Komfortzone. Bequem, gemütlich. Aber es schränkt auch ein. Alleine ist man zugänglicher, kommt leichter ins Gespräch mit allen und jedem. Man interagiert intensiver und aktiver. Und wird auch mehr gefordert. Und ohni e chlini Challenge wär’s ja langwilig, oder? Das Verlassen der Komfortzone, der Austausch mit vielen spannenden Menschen und das Verfolgen eigener Ideen, das sind für mich ehrlichgesagt mega wichtige Hausaufgaben beim Reisen.

Und was will ich ez eigentli als Nöchsts? Wohin des Weges? Ich spreche immer noch kein Spanisch (schäbig, gäll) und sehne mich nach etwas „Heimeligem“. Mal länger als ein, zwei Nächte an einem Ort bleiben. Und ich will Freiwilligenarbeit leisten. Neues Lernen, Altes zurückgeben. Irgendwie so. So suche ich nach einem Projekt mit einem sozialen oder ökologischen Aspekt. Zudem muss der Ort geographisch mit Surfen und Spanisch sprechen einhergehen. Ich durchforste diverse Projekte, aber finde nix seriöses. Auf den letzten Drücker sticht mir dann ein Hostel ins Auge. In Chile’s Capital del Surf, in Pichilemu. Sie suchen jemanden, der mit Marketing und Englisch helfen kann. Well, here I am! Nicht gerade das, was ich mir gewünscht habe, abär wieso eigentli nöd?! Immerhin legen sie Wert auf Nachhaltigkeit und Mindfulness. Ich sage „Hola“ und bekomme umgehend eine Zusage.

Eine dreistündige Busfahrt später empfangen mich meine Mitarbeiterinnen aus Chile, Argentinien und Deutschland sowie mein Chef aus Venezuela. Ebenfalls begrüssen mich ein gut geregelter Arbeitsplan und drei Hunde. Wir arbeiten fünf Tage die Woche. Jeder hat sein Talent, so helfe ich mit Digital Marketing, während andere den Garten neu bepflanzen, vegane Kuchen fürs Frühstück backen oder die Wände mit Kunst verzieren. Sonst teilen wir uns die Hostel-Tasks: Mal Zmorge machä, mal Putzen und fleissiges Bettenwechseln. Apropos: Händer schomal s Bettzüüg uf me wacklige Stockbett gwächslet? Bhu! Und dann gibts da noch die Rezeptionsschicht. Der blanke Horror. Die Gäste, fast alle Spanisch sprechend, überfordern mich beim kleinsten Bedürfnis. Habe keinen Plan, was ein Toalla oder eine Colcha sind. Wenn das Telefon klingelt, schiesst mein Stresslevel durch die Decke. Mit 100 km/h kommen Fragen dahergeballert. Ich verstehe kein Wort. Was sölli machä? Eifach abhänke? Ich fühle mich zurückversetzt in die ersten Stunden meiner Ausbildung zur Kauffrau als 15-Jährige. Déjà vu. Nun, eins kann ich schon mal vorweg nehmen: Spanisch telefonieren ist heute kein Problem mehr.

Auf Wiedersehen Santiago: Obwohl die Stadt so viele perfekte Ecken für Streetphotography bietet, bin ich froh, nach einer Woche wieder aus dem Verkehrstrubel raus zu sein.

Big City Life

Wir verlassen Argentinien via Colonia Suiza. Einer „Schweizer Kolonie“! Nebst waldiger Natur und ein paar Hüüsli im Schwiizer-Stil hat das Ganze aber wenig authentisch helvetischen Charakter. Nach dem Abstecher ins Schweizerland folgt zurück in Chile ein letzter Besuch im deutschen Territorium. Man munkelt, dass sich rund um das Dorf Frutilla (Erdbeere) einst die Nazis versteckten. Weit hergeholt scheint das nicht, denn: An mancher Türe steht „Nur für Mitglieder des Deutschen Vereins“. Der Adler ist allgegenwärtig. Das einzige Plus: Hier gibts richtig leckeren Apfelstrudel. Mit Vanillesauce!

Und so kommt der Roadtrip zum Ende. Wir geben unser Auto nach exakt sechs Wochen wieder ab. Unsere sieben Sachen verschenken wir einem schottischen Pärchen, das im alten Dodge Ram der Panamericana entlang reist. Für uns gehts dann direkt in den nächsten Nachtbus: Ab in den Norden, ab in die Wärme, ab nach Santiago de Chile. Die Hauptstadt empfängt uns nach 14 Stunden mit wenig Schlaf und viel Babygeschrei. Aber shit happens, d’Nachbuure chammer sich halt nöd immer ussueche. Belohnt werden wir dafür mit unserem AirBnB: Fünf Tage heimeliger Altbau, heiss duschen und es rächts Bett. In der Nachbarschaft Barrio Lastarria findet der Szeni fein rausgeputzte, qualitative Strassenmärkte. Auch architektonisch und kulinarisch bleibts attraktiv. Wie wärs mit Empanadas im schwarzen Sesamteig? Oder hausgemachtem Artesanal Cerveza? Aber hät natürli alles sin Priis, gäll.

Santiago hat aber etwas für jeden. Am besten gefällt mir der Barrio Yungay. Dort treffen diverse Kulturen aufeinander: Menschen jeder Herkunft und in allen Altersklassen wohnen hier. Zimli multikulti. Sonst ist Santiago leider krass in Einkommensklassen oder gar Nationalitäten aufgeteilt. Die Reichen wohnen in Las Condes, die Einwanderer aus Haiti nicht. Yungay hingegen ist ein aufstrebendes Quartier mit jungem Flair und altem Charme. Wenn ich nach Santiago ziehen würde, dann klar hier hin. Wie überall birgt die Gentrifizierung aber auch ihre Gefahren. Bleibt zu hoffen, dass Yungay eine Nachbarschaft mit spazierenden Kätzli und bezahlbaren Lofts bleibt. Am Ostende von Yungay befindet sich noch das Menschenrechtsmuseum. Ein absolutes Muss. Es weist einerseits auf internationale Menschenrechtsdelikte hin, dokumentiert aber primär die chilenische Diktaturperiode unter Augusto Pinochet. Die Ausstellung geht echt unter die Haut und zeigt nochmals eine ganz neue Seite dieses facettenreichen Landes auf.

Wer nach diesem Brocken erstmals den Kopf lüften muss, schnappt sich ein Citybike und radelt dem Fluss entlang in Richtung Osten. Erst durch kleine Stadtparks, bis man eine regelrechte Naherholungszone betritt. Mit Seen und gratis Liegestühlen. Auf dem Rückweg noch auf ein Feierabendbier in Providencia stoppen. In den lebendigen Bars lässt sich der Städtetrip wunderbar ausklingen. Salud!

Facettenreiche Hauptstadt: Santiago ist farbenfroh, grün und historisch interessant. Hier etwas chaotisch und dort wiederum modern. So wie diese Ecke im Barrio Brasil.

Schattenseiten in Patagonien

Für uns gings einmal direkt nach Miami Beach. Könnte man meinen. Natürlich nicht, aber es kommt mir vor, als wären wir hier bei den Desperate Housewives gelandet. Die Reise führte nämlich vom eher bescheidenen Santa Cruz nach Rada Tilly, einem Vorort der Stadt Comodoro Rivadavia.

Man muss sich das so vorstellen: Autos so teuer und Gärten so geschniegelt, dass es fast in den Augen brennt. Eine Sportpromenade, auf der operierte Muttis entlang joggen, ziert den Strand. Begleitet von kleinen Kläfzger-Hunden mit Pelzmänteli. Zudem kann das ganze Angebot an Schönheitsoperationen live begutachtet werden. Ein paar Männer kurven mit ihren 25l/100km SUV’s rum und protzen. Hier wird einfach jeder Stereotyp erfüllt. Die Villen sind alle konsequent dreistöckig und nigelnagelneu. Pool inklusive. Eine andere Welt! Doch es ist definitiv nicht alles Gold, was glänzt. Die Frage, warum in Rada Tilly so viel Cash rumliegt, können wir nämlich nicht lange für uns behalten. Die Antwort lautet: Erdöl und Erdgas.

Von einem jungen Mann erfahre ich, dass in Santa Cruz wohl eher die armen Arbeiter leben und in Rada Tilly jene, die sich hinderschi und fürschi verdienen. Er selbst sei in Rada Tilly aufgewachsen, als es noch ein kleines Kaff war und kein Miami 2.0. Er äussert sich besorgt und sehr kritisch: „Dieser Eingriff in die Natur könnte uns hier noch grausam um die Ohren fliegen.“ Es gäbe unter den Anwohnern ganz klar zwei Lager, pro und kontra.

Die Augen vor dem Petroleum-Abbau können in Patagonien echt nicht verschlossen werden. Bereits auf der Tierra del Fuego begrüssten uns zahlreiche Fracking „Hammer“. Und mittlerweile, entlang der argentinischen Ostküste, reihen sie sich am Horizont nur so aneinander. So-we-it das Auge reicht. Doch warum genau steht das Hydraulic Fracturing derart in der Kritik? Es sei eine besonders umweltschädliche Art, Erdöl sowie Erdgas zu „pumpen“. Die Methode verbraucht einerseits wahnsinnige Mengen an Wasser und kontaminiert zudem das Grundwasser. Denn mit jedem „Hammerschlag“ gibt es unterirdische Explosionen. Bislang sei nicht klar, ob die entstehenden Risse in der Erde langfristig für mehr Erdbeben sorgen oder andere Gefahren hegen. Dies so kurz zusammengefasst.

Eigentlich will ich die Hämmer alle nur aus dem Boden rupfen. Doch die Realität schmerzt, denn: Ich sitze hier seit fast sechs Wochen selbst im benzinbetriebenen Auto. Und fühle mich schuldig. Mein Vergnügen in der Natur geht ganz auf Kosten der Natur. Welch verrückter Gegensatz. Hier ein Nationalpark zum Schutz der Flora und Fauna und ein paar Kilometer nebenan wird die Natur so ausgebeutet. Das isch doch en Witz. Seither geht kein Tankstellenbesuch vorbei, ohne dass ich das Bild der Fracking Hammer vor mir sehe. Das hät mi scho wachgrüttlät. Ich will in Zukunft aktiver sein, mich mehr für die Umwelt engagieren, mich informieren und bewusster entscheiden. Zugleich ist mir bewusst, dass ich die ganze Ölindustrie nicht so hart verurteilen darf, solange ich selbst noch Fliege, Auto fahre und Produkte aus Kunststoff nutze. Alternativen sind gefragt!

Im Sekundentakt wird gehämmert: Fracking ist eine besonders umstrittene Methode um Erdöl und Erdgas abzubauen. Leider wird sie in Patagonien ziemlich verbreitet praktiziert.