Podcasts, Pinguine und Polizisten

Schon mal zwölf Stunden lang einem Audiobook-Erzähler zugehört? Ich schon. Nicht am Stück natürlich. Aber spätestens jetzt, entlang der argentinischen Ostküste, hängen mir die Musikplaylists zum Hals raus. Nun hören wir zig Wissens- und Politikpodcasts. Aber mein Favorit bleibt das Hörbuch „21 Lessons for the 21st Century“ von Yuval Noah Harari. Kann ich jedem nur empfehlen. Wirklich relevante Themen für unser Zeitgeschehen.

Doch zuerst müssen wir von Ushuaia zurück nach Chile und nochmals zurück nach Argentinien. Jap, es ist „Grenztechnisch“ ganz schön eng hier unten. Beim vorläufig letzten Bordercrossing zurück nach Argentinien schaffe ich es, beim grimmigsten Zollheini aller Zeiten einen Kofferraum voll Gemüse und Früchte über die Grenze zu chauffieren. Bin ja mittlerweile geübt. Dann gibt uns der Hombre aber sogar noch Insidertipps zu Puerto Santa Cruz: Hier leben nämlich Pinguine! Santa Cruz selbst ist ein heruntergekommenes Kaff. Ist aber egal, wir brauchen eh nur den Supermarkt und eine warme Dusche.

Dann folgt die grosse (kleine) Pinguin-Expedition. Per Auto gehts zu einem Hafen, der von einem bewaffneten Security bewacht wird. Bitz schräg. Hier ist vorerst Endstation, es geht zu Fuss weiter. Wir spazieren dem wilden Strand entlang, bis es irgendwann grausam stinkt. Im Sand entdecke ich lauter enge „Fussspuren“. Das sieht wahnsinnig kurzbeinig aus – hier wurde fix gewatschelt! Wie ein alter Fährtenleser folge ich den Spuren auf eine Anhöhe und merke plötzlich: Neben mir höckeln hunderte Pinguine in den Büschen! Wahnsinn! Ewiges Fotografieren und Angucken später gehts zurück und weiter nordwärts. Unterwegs treffen wir per Zufall auch noch auf eine Horde badender und sich sonnender Seelöwen. Ganz schön tierisch hier.

Abends schlafen wir an einem abgelegenen Strand. Nur ein paar Anwohner sind zum Fischen da. Trotz Feuerstelle friere ich mal wieder und verspeise meinen Znacht im Schlafsack eingewickelt. Jap, glamourös wiä immär. Doch es kommt noch besser: Mitten in der Nacht weckt uns ein Poltern an der Scheibe. Draussen blinkt das Blaulicht. Shit, Polizisten?! Wir öffnen verschlafen die Autotüre, verbleiben aber wie zwei Raupen in den Schlafsäcken eingemummelt. Weil minus 100 Grad und so. Ich sehe nix ausser blendendem Taschenlampenlicht. „Seid ihr Chilenen?“ „Nein, Mietwagen.“ „Ouh, Gringos! Pasaportes!“ Die Pässe sind natürlich irgendwo unter all unserem Kasumpel vergraben. Ich verbleibe mumifiziert, der Mann muss dran glauben und sich erst mal aus dem Kokon entpuppen. Die Polizisten studieren unsere Pässe verdächtig lang und ich denke mir: Was, wenn das gar keine Polizisten sind? Dann heissts: „Habt ihr ein weisses Auto gesehen?“ „Nein“. Ich schlafe verwirrt weiter bis ich am nächsten Morgen feststelle: Die Suchen immernoch. Überall hats Polizisten mit Feldstecher, Polizeiboote und Polizeiautos. Ui, schnell wäg do!

Happy feet: Nebst der Magellanstrasse gibt’s hier auch noch Magellanpinguine. Die kleinen Vögel sind in Patagonien weit verbreitet und so gar nicht Menschenscheu.

Ganz schön was los in Ushuaia

Entlang der Touri-Promenade Ushuaias wird um die Wette geworben: Hier Ausflüge zu Pinguinen, da zu Walen, dort zu Lagunen und natürlich gehts bis zur Antarktis. Aber CHF 6’000.- für ein Last Second-Schnäppli? Und die Ökobilanz eines solchen Tankers? Ehm, nope, no gracias. Viellicht, wenns denn i 20 Jahr e ökologischi Alternative git. Bis dahin sollten wir aber besser alle schauen, dass uns die Antarktis nicht davonschmilzt. Dies noch als Wort zum Freitag, ist heute ja wiedermal #Fridaysforfuture.

Was ich in Ushuaia ja richtig cool finde, ist das berühmte „End of the World“-Schild. Natürlich nicht des Schildes wegen, sondern der Menschen wegen. Hier versammeln sich nämlich alle möglichen Gestalten, um das Beweisfoto zu schiessen: Ich war hier! Made it! So auch zwei junge Franzosen, die mit dem Fahrrad von Nordamerika bis hier radelten. Auf ihrer Reise haben sie Spenden für eine Charity gesammelt. Was für eine Aktion, was für ein Moment – ich hab Gänsehaut! Verlässt man dann das geschäftige Städtli, findet man sich zackig im wilden Nationalpark wieder. Am Ufer des Beagle Channels vertreten wir uns stundenlang die Füsse. Hier ein Biberdamm, da ein Pinguin. Oder ists doch nur ein Vogel? Uii und isch das en Wal?! Schad, hani ken Fäldstächer debi!

Und wettertechnisch so? Herausfordernd! Mal regnets, mal hagelts, mal scheint die Sonne und dann schneits wieder. Nachts ist es wirklich so saukalt, dass wir morgens die Scheibe kratzen müssen. Aber nicht von Aussen, sondern von Innen. Jap. Das Kondenswasser ist mehrfach gefroren. Und ich so? Hab komplett mumifiziert mit Thermo-Shirt, Fleece, Socken, Mücke und der Bettdecke über dem Gesicht geschlafen. Und trotzdem geschlottert. Das morgendliche „Sich aus dem wärmenden Kokon quälen“, war selten so schwer. Auch das Kapitel Kochen ist unter solchen Umständen ab und zu schwierig. Denn spätestens seit der Koch auf dem Rücksitz drei Zwiebeln geschnitten hat, und ich eine Stunde lang nicht wusste, ob ich heulend im Auto sitzen oder draussen im bei Eis, Regen und Sturm warten soll, sind jegliche Kochvorbereitungen im Auto verboten. Hoch lebe das Wildcamping!

Wie man unter diesen Witterungen draussen leben kann, habe ich mich auch beim Besuch einer historischen Ausstellung zu den Yámana und Selk’nam gefragt. Diese zwei Ureinwohner Stämme sind nämlich auf vielen Portraits nackig. Im Hochsommer haben wir hier Hagel und Schnee und die so: Füdliblutt im Winter. Schochli frisch, nöd?! Wir werweissen verschiedene Theorien. Es geht von „Körperwärme-Nutzung“ über „Sie posieren nur fürs Foto nackt“ bis hin zu „Sie mussten sich für die Europäer ausziehen“. Irgendwo lese ich dann, dass sie sich mit Wal- und Robbenfett einrieben und drum schön warm hatten. Yeah. Dann doch lieber weiterhin im Kokon ausharren oder: Halt einfach wieder nordwärts fahren, der Sonne entgegen! Jap, seb tönt doch guet.

Hain Zeremonie der Selk’nam: In Valparaiso (Chile) sticht mir dieses Mural der Selk’nam ins Auge. Für die Hain Zeremonie, ein Ritual zum „Erwachsenwerden“, verkleideten sich die jungen Männer teils monatelang als „Geister“.

Das Land von Eis, Wind und Feuer?

Es geht zurück in die Zivilisation, nach Puerto Natales. Im herzigen Städtli fährt uns prompt ein gestresster Sandwich-Verkäufer eine Beule ins Auto. Der Polizist kommt zwar, jedoch nur zum Sprüche klopfen. Und Flirten. Helfen kann er nicht. Später stellt sich heraus: Die Jungs von der Autovermietung kümmerts eh wenig. Isch alles versicherät. Beim Fahrstil hier unten? Kein Wunder.

Bald verlassen wir das südamerikanische Festland. Denn: Unser nächstes Ziel ist eine Insel! Die Tierra del Fuego, das berühmte Feuerland. Doch den Weg dahin muss ich mir verdienen. Entlang der Ruta „Fin del Mundo“ fahren wir so lang durch die flache Einöde, dass ich bald nicht mehr weiss, welche Musik ich noch hören mag. Geschlafen wird mitten in der Peitsche des Windes. Beim Öffnen der Türen gibts Regeln zu befolgen: Immer nur eine Türe aufs Mal öffnen. Ansonsten saugt der Windkanal unser halbes Hab und Gut raus. Ebenfalls aufregend wirds an der Magellanstrasse. Die Meerenge verbindet den Atlantik mit dem Pazifik und war bis zum Bau des Panamakanals die wichtigste Route für Schiffe, die das wilde Kap Hoorn vermeiden wollten. Hier besuchen wir ein wahres Geisterdorf. Mitsamt Schiffswrack ist das eine wahre Zeitreise. Überquert wird das nach dem Weltumseglungspionier Ferdinand Magellan benannte Gewässer heute aber bequem per Fähre. Wenn sie denn auftaucht. Wir warten sage und schreibe sieben Stunden, bis sich irgendwas tut. Der Grund: Sturmwarnung! Ohje. Die Überfahrt ist aber angenehm, zackige 30 Minuten später und pünktlich zum rosaroten Sonnenuntergang betreten wir die Tierra del Fuego. Wow.

Ich frage mich aber schon, warum das hier Feuerland und nicht Wind- oder Eisland heisst. Des Rätels Lösung: Magellan stiess beim „Entdecken“ der Insel auf zahlreiche Lagerfeuer der indigenen Völker. Und was wir hier entdecken wollen? Na Ushuaia dänk! Die südlichste Stadt der Welt. Behaupten die Argentinier zumindest. Definitiv ist es aber nicht das Ende der Welt, obwohl es oft als solches vermarktet wird. Was uns dort erwarten wird? Ich habe so gar keine Vorstellungen. Seit Tagen fahren wir durchs Niemandsland. Doch dann, wie aus dem Nichts, sehen wir sie am Horizont: Berge! So viele schneebedeckte Berge! Der südlichste Teil der Anden? Jap. Das isch etz scho bitzli unerwartet. So kommts, dass ich noch eine halbe Passfahrt hinlege. Vorbei an eisblauen Seen und tiefgrünen Wäldern. Dann, nach exakt 4’000 Kilometern (ohni Witz, gnau das seit de Kilometerzähler), durchfahren wir ein pompöses Entrée: „Willkommen in Ushuaia, dem Ende der Welt!“ Der Moment der Einfahrt ist lustigerweise echli emotional. Wir freuen uns, ist ja schon ein kleiner Meilenstein. Waren wir uns nicht immer sicher, ob wirs bis hier unten schaffen. Von wegen Kälte und Zweiradantrieb & Co. Aber das „Ende der Welt“ ist noch nicht das Ende dieses Roadtrips, denn: Ich muss ja alles wieder zurückfahren.

Besonderes Flair: Im Hafen Ushuaias herrscht eine richtige Entdeckerstimmung. Von hier legen Sie ab, die Boote ans wahre Ende der Welt – in die Antarktis.

Von wegen Schlechtwetterprogramm

Willkommen im Torres del Paine Nationalpark. Diverse Wanderungen führen zu den berühmten Felsen, den Torres. Pflichtprogramm! Doch unsere Tage im Nationalpark gestalten sich etwas anders, als gedacht.

Zum Aufwärmen der Wädli wandern wir durchs Puma Territorium. Vorbei an Guanaco-Skeletten. Ob der Puma wirklich keine Menschen frisst? „Nein, die sind nachtaktiv!“ Trotzdem üben wir die Verhaltensregeln im Falle einer Begegnung. Sicher ist sicher. Dann plötzlich nimmt ein Guanaco einen riesen Satz und hetzt mit 200 km/h davon. Zwei weitere hinterher. Ich alarmiert. Han Schiss (fescht). Will umcherä. Im Stechschritt gehts zurück in unsere sicheren vier Wände (Türen). Später lernen wir, dass die Guanacos als Warnruf für die Herde wild jauchzen. Somit: Fehlalarm!

Dann begiesst uns tagelang endloser Regen. Wir wandern trotzdem – nur nicht zu den Torres. Es geht pausenlos den Berg hoch. Bald herrscht unter der Regenjacke auch 100% Luftfeuchtigkeit. Doch das eigentliche Problem ist unser Auto. Hockt man pfludinass in die Karre rein, sind die Scheiben innert fünf Sekunden beschlagen. Hallo du feuchttropisches Klima. Da trocknet nix, wo soll man auch aufhängen?! Drum investieren wir gutes Geld in heisse Schoggi. Diese trinkt sich nämlich am besten im „Wohnzimmer“ eines 5-Stern Hotels mit Kamin. Und wer nah genug an der Feuerstelle sitzt, dem trocknen auch die Klamotten. Trick 77!

Aber hey, wir haben imfall keine durchgehende Pechsträhne. Im Gegenteil.

Wir kurven also planlos durch die Gegend, bis mein Beifahrer (fast) die Handbremse zieht. „Lueg!“ Vor uns auf dem Hügel sind sie: Zwei Pumas. Wir sind komplett aus dem Häuschen. Kurz die Warnblinker reinschmeissen und alle Kameras mobilisieren. Die Kätzchen wälzen sich, schnurren und gähnen. So viel zum Thema „nachtaktiv“. Dann gehts weiter. Euphorisch erzählen wir einer Rangerin von der Begegnung. Auch sie meint: „Ihr habt Glück, das ist selten!“ Happy tuckern wir vorbei an türkisblauen Seen und nebligen Fjorden. Bis uns auf einem schmalen Kiesweg ein weiteres paar Katzenaugen anstarrt. Vollbremse, die Zweite. Etwa 20 Meter neben unserem Auto hockt Puma Nummer Drei im Gebüsch. Zehn Minuten lang an guckt er uns an, ich bin fasziniert.

Am nächsten Tag scheint endlich die Sonne. Auf zu den Torres! Doch unterwegs scheint das Landschaftsbild verändert: War hier vorher schon ein See? Nope. Da war eine Strasse. Hä? Der Damm ist gebrochen. Zu viel Regen. Auch am Berg oben sei alles schlammig. Nur jene mit top Ausrüstung, Reservation und Guide werden hochgelassen. Der Holländer in Jeans und „Barfuss“-Schuhen wird vom Ranger direkt ausgelacht. Ich geniesse dies zwar, weil ich mich seit Wochen über „Wandern in Jeans“ lustig mache, bin aber selbst auch zu schlecht vorbereitet. Die Torres fallen somit wortwörtlich ins Wasser. Ist aber nicht schlimm, die Pumas als Schlechtwetterprogramm nehme ich mit Handkuss!

Das Kamel Patagoniens: Genau, Guanacos gehören zu der Familie der Kamele. Und sie sind des Pumas liebstes Fressen.

Whiskey on Glescher-Ice

Südwärts auf dem Highway 41 nähern wir uns den wohl berühmtesten Attraktionen des argentinischen Patagoniens. Stundenlang brausen wir im Schlagloch-Slalom durch die windige Pampa. Bis plötzlich, kurz vor El Chaltén zahlreiche Gipfel den Horizont säumen. Wahnsinnig imposant!

Doch ein solches Spektakel kommt selten allein, so überrennt uns gleich eine Meute crazy Touristen. Hier Trekkinghosen, dort Wanderstöcke und ein Touristenbus nach dem anderen. Ohje. Wozu? El Chaltén ist Ausgangspunkt für eindrückliche und trotzdem einfache Wanderungen. Besonders beliebt sind die Lagunen mit Blick auf den Cerro Torre sowie den Cerro Fitzroy. Gesagt, getan. Aber mir ist das Ganze viel zu überlaufen. Gut schlafen wir am Ufer einen Flusses, ausserhalb des Invasionsgebietes. Dort finden wir Pfotenabdrücke eines Pumas. Uff. Schlussendlich reicht’s aber nur für den Überraschungsbesuch eines Armadillos. Das kleine Gürteltier hockt mir abends beim Zähneputzen fast auf die blutten Zehen. Ich weiss nicht, wer mehr erschrocken ist.

Nebst den zahlreichen Wandermöglichkeiten hat El Chaltén aber nicht wirklich viel Charakter. Es Touriste-Örtli, no mas. Drum geht’s bald weiter, ins – Achtung, Achtung – nächste Touristendörfli: El Calafate. Same same, but different. Ich hüpfe zuerst schnell in den Supermarkt, von wegen Nahrungsbeschaffung. Und während ich an der Kasse die obligatorischen 15 Minuten in der Schlange warte und die Kassiererin entspannt am Handy rumtöggelt, fällt mir auf: Hier hat durchs Band jeder eine knallrote Birne. So richtig grausam verbrännt! Schräg, Patagonie isch ez nöd unbedingt bekannt defür, dass mer gaht go sünnele. Hää?! Abär dänn isch mer de 20er abe: Die haben eine Gletscherwanderung gemacht! Nach El Calafate kommt man nämlich, um den Perito Moreno Gletscher zu bestaunen. Und dieser ist wirklich eine Hausnummer, die Seinesgleichen sucht. 254 Quadratkilometer ewiges Eis. Erfreulicherweise hat er in den letzten Jahren aber keine Masse verloren, ist nicht geschrumpft. Im Gletscher-Dasein ist das leider kein Standard. Obwohl zuverlässig Eis abbricht und in die riesige Gletscherlagune fällt, kommt immer wieder neues Eis hinzu.

Das „Gletscher-Watching“ ist vor Ort eine regelrechte Sportart. Schweissausbrüche inklusive. Wo fällt wohl das nächste Stück Eis ab? Hier ein Knarren, dort kreischt eine Gruppe Japaner. Plötzlich stürzt rechts hinten ein rieser Brocken die 70 (!!) Meter hohe Gletscherwand hinunter. Unten entsteht eine regelrechte Flutwelle. Da darf das obligatorische Touristenboot natürlich auch nicht fehlen. Mit Vollgas rast es auf die Fluten zu. Wild hin und her kurvend, um auch möglichst bei jedem Knorzen hautnah dabei zu sein. Ehm ja. Wie kleine Sardinen sind die Touris auf das Deck gepfercht. Aber sie nippen zufrieden an ihrem „Whiskey on Gletscher-Ice“. Ohje, no gracias. Aber iicrème nöd vergässe, gället!

Ewiges Eis: Ungleich vieler seiner Genossen verzeichnete der Perito Moreno Gletscher in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise keinen Verlust an Eismasse.

Fahren am Limit

Heute gehts über die Grenze nach Argentinien. Der „Paso Roballo“ liegt mitten im atemberaubenden Niemandsland. Ein Geheimtipp! Trotzdem liegen meine Nerven blank, denn: Per Zufall entdeckte ich eine Landkarte, auf der unsere Route als unpassierbar markiert war. Von wegen: Tiefes Wasserloch. Daraufhin versicherte mir ausnahmslos jeder Chilene: „Mi amor, in Argentinien sind eh alle Strassen schrecklich.“ Chunnt aso au nümm druffah, vamos!

Schon auf den ersten Kilometern im Buschland kommt unser Gütschi ans Limit: Auf einem steilen Sandwegli drehen die Rädli durch. „Nimm nomal Alauf!“ „Ich bi dra, aber es gaht nöd!“ „Mol, imfall kes Problem“. Er, der keinen Führerschein besitzt, sieht die Sache entspannt. Ich weniger. Der olle Zweiradantrieb ist für die Katz. Wir müssen umkehren. Und der zweite Steilhang folgt sowieso. Nach kurzer Lagebesprechung sind wir uns einig: Hier gehts nur mit Anlauf. Ich schiesse mit Vollgas den Berg hoch. Halt oder Kontrolle gibts nicht, das Auto schwimmt auf den Steinen. Ich am Gegenlenken, er am Stossgebete senden. Wir halten den Atem, bis wir mit einem massiven Ruck über den Grat schiessen. Ich schwör bis hüt, mir sind es bitzli gfloge.

Das Panorama lässt aber alle Hürden bald vergessen. Hier karge Mondlandschaft, da farbenfrohe Oasen. Hunderte Guanacos, Nandus und diverse Skelette. Der Puma frisst hier, das kann man nicht verleugnen. Es folgen die Grenzübergänge. Papiere? Alles gut. Zwei Sekunden Inspektion des Autos. Primär gehts darum, dass man keine Früchte, Gemüse, Milch oder Honig einführt. DenHonig haben wir versteckt, Knobli und eine Zwiebel würden wir opfern. Doch den Kollegen interessierts wenig. Einen Alibi-Blick in den Kofferraum später sind wir wieder auf Achse. Und die Strassen so? Bislang genau gleich Kacke wie vorher. Sorry Chile! Mal ein bisschen Waschbrett, ein paar Löcher, alles lose Steine, ab und zu Schritttempo, aber nichts Neues.

Sechs Stunden lang sehen wir keine Menschenseele. Bis aus dem Nichts ein Auto im Rückspiegel auftaucht. Weit weg. 15 Sekunden später hockt mir die Karre fast auf dem Rücksitz. Was sind das fürig?! Das Nummernschild: Gelb, Europäer. Holländer! Der Landsmann will winken und wusch, schiesst der Truck schon vorbei. Wie schnäll fahret diä!? Ewig später erreichen wir die Einfahrt zum „Highway 41“. Unser Tagesziel. Ein Geisterkaff mit mickrigen Tanksäulen, einem Kiosk und fünf verlassenen Häuschen. Und dem rasenden Truck. Davor sitzt ein schickes Ehepaar. Unfassbar, dass die so verrückt fahren! Wir sagen „Hallo“ und schon wird wild erzählt. Sie bereisten mit dem umgebauten Toyota 4Runner nämlich schon halb Afrika. Wahnsinn! Dann gesellt sich noch ein holländisches Pärchen dazu. Sie wären heut beinah ins ominöse Wasserloch gefahren. Wildes Gelächter. Das hätte echt auch uns passieren können, ups! In bester Gesellschaft geht ein weiterer Tag zu Ende.

Willkommen in der argentinischen Pampa: Was man auf dem Foto nicht sieht, ist der 200 km/h Wind, der über die endlose Ebene fegt. Kein Wunder, will hier keiner wohnen.

Kafiplausch mit dem Parkranger

Auf dem Campingplatz im Parque Patagonia begrüsst uns der Parkranger höchstpersönlich. Thomas, heisst er. Hola! Ich quatsche so lang mit ihm, bis es fragt, ob wir eine Runde Maté trinken wollen. Abr klar doch! Er teilt seinen Maté, wir unseren Znacht. Heute gibts zum zehnten Mal Linsen und Gemüse. Aber mein Reisepartner ist echt ein Magier in der Küche, sprich auf dem Campingköcherli. Ich bleibe sprachlos, wie er mit den immer gleichen Zutaten jeden Abend etwas Neues, Leckeres zaubert. Apropos: Bei uns herrscht klare Aufgabenteilung. Ich fahre (er hat keinen Führerschein) und er kocht (viel besser als ich).

Aber zurück zu Thomas. Ein spannender Vogel! Seit mehreren Jahren arbeitet er als Ranger. Davor studierte er aber Kunst, ist Lehrer. Doch damit fände man keinen schlauen Job. Deshalb habe er seinen Master in Biologie und noch ein Diplom in Biostatistik gemacht. Seine Arbeit im Nationalpark gefällt ihm, auch wenn es teilweise sehr einsam sei. Dafür durfte er an der Gestaltung des Museums mitarbeiten, von dem ich letzte Woche erzählt habe. So cool! Zugleich äussert er sich dezent kritisch, ob die Regierung die Qualität des Parks aufrechterhalten könne. Oder ob der Park irgendwann vielleicht doch verkauft würde? Er selbst besitzt Land an den Parkgrenzen und möchte dort ein Earthship bauen. Ein komplett nachhaltiges, selbstversorgendes Gasthaus. Darum sammelt er die Abfälle der Gäste und recycelt diese zu Eco-Ziegelsteinen. Da geht mir als alte Recyclerin (Kambodscha) natürlich das Herz auf.

Während die Sonne untergeht, meint Thomas: „Jetzt ist Puma-Zeit, kommt!“ Auf einem Hügel zeigt er uns, wo er überall schon Pumas begegnete. Wir liegen auf der Lauer, sichten aber keinen Puma. Nur ein paar wilde Hasen. Dann lädt er uns zum Tee in seinen winzigen Wohnwagen ein. Jap, mir händ do de ganz Tag Kafiplausch. Zu dritt durchforsten wir ein Biologiebuch mit Zeichnungen aller Tiere und Pflanzen Chiles. Dann, auf unerklärliche Art und Weise, wird plötzlich wild diskutiert. Eben noch bei Llamas, gehts aufs Mal um die Sphären der schwarzen Löcher im All, die Effekte von südamerikanischen Kräutern auf die Aktivität der Hirnregionen, die spirituellen Fragen unseres Daseins, die Dimensionen von Raum und Zeit. Es scheint, dass die beiden Herren den grössten Fundus an (un)nützem Wissen teilen. Mir fällt das Hirn fast auf den Tisch. Aber ich muss auch laut lachen, denn etwas haben wir wohl alle gemeinsam: So viel Zeit, uns tatsächlich für all diese Fragen zu interessieren. Was für ein Privileg. Eines, das ich während meinem Berufsalltag nicht hatte. Heute schnappe ich jeden Tag etwas Neues auf, lese viel, höre Podcasts in den endlosen Bus- und Autofahrten. Und dann schliesst sich der Kreis. Plötzlich sitzt man mit einem bis soeben wildfremden Ranger zusammen, trinkt nachts Tee mitten im Nirgendwo und hat jede Menge Gesprächsstoff.

Die Natur findet ihren Weg: Nur unweit vom ausgetrockneten See blüht eine Vielzahl von Pflanzen. Allen voran diese violette Pracht, ein (gemäss Thomas, dem Ranger) sich schnell verbreitender Eindringling.

Sprachlos im Parque Patagonia

Kennt einer die „Ruta de los Parques de la Patagonia“? Das sind 17 Nationalparks von Puerto Montt bis nach Kap Hoorn. Wir lassen es uns nicht nehmen, unseren Roadtrip entlang dieser Parks zu gestalten. Zig Wanderrouten, Informationen zu Flora und Fauna sowie eine top Infrastruktur. Der zuletzt fertiggestellte Park heisst Parque Patagonia, unweit von Cochrane. Hier stehe ich gerade im Museum des Besucherzentrums und weiss nicht, wie mir geschieht.

Wahnsinnig modern und interaktiv schildert das Museum die Geschichte Patagoniens, wie hier einst Dinosaurier und indigene Völker lebten. Komplett aus den Socken haut mich aber der Teil zu „Die Welt heute“. Brandaktuelle Themen wie Konsumgesellschaft, Abfall, Klimawandel, Kapitalismus, die Explosion der Bevölkerungszahl und der Ressourcenverbrauch. Und die Folgen für den Planeten, die Natur. Ein Modul beeindruckt besonders: Vor mir leuchtet eine Wand mit der Artenvielfalt Patagoniens. Stirbt eine Art aus, erlöscht ihr Licht. Mit einem Hebel kann ich das Jahr regulieren. Ich schiebe den Hebel nach 2040 und, wenn wir so weiter machen, wie bis anhin, ist aufs Mal alles schwarz. Ich stehe im Dunkeln. Ein visuelles Erlebnis, das brutal unter die Haut geht. Draussen an der frische Luft hüpfen Guanacos und Nandus rum und frage mich: Wiä chömmer das i 20 Jahr no rettä?!

Wer genau steckt also hinter diesem Nationalpark mitsamt Museum? Nun, es war einmal ein Outdoor-Liebhaber, ein Umweltaktivist, ein amerikanischer Multimillionär. Er hiess Douglas Tompkins und kaufte im Süden Chiles riesige Flächen an Land. Gnaugnah über 4000km2. Klingt nach modernstem Kolonialismus der Superreichen, nöd? Er gründete einst North Face, verkaufte dann seine Anteile und rief mit seiner Ehefrau die Tompkins Conservation ins Leben. Gemeinsam mit Freiwilligen, Experten und der Lokalbevölkerung machten sie es sich zur Lebensaufgabe, das Land zu rekultivieren. Eimal en komplettä Reset bitte. Abr wieso isch das überhaupt nötig? Die Gauchokultur hat mit den Kühen und Pferden sehr viele Pflanzen abgegrast und Boden unfruchtbar gemacht. Und somit Lebensraum diverser Spezies eliminiert. Zudem gab es auch wenig Schutz vor wirtschaftlichen Interessen. Ziel ist nun: Keine Einzäunung, keine Eingriffe durch den Mensch, pure Rehabilitation. Gezielte Wanderwege und wenige Campingplätze gelten als „Opfergabe“ an die Menschen. Der Rest gehört den Tieren und den Pflanzen. Doch der Knaller dieser ganzen Story: Nach Fertigstellung von mittlerweile fünf Nationalparks schenkte die Tompkins Conservation diese der chilenischen Regierung. Gemeinsam mit der CONAF, der chilenisches Forstbehörde, wurde dann die die Ruta de los Parques eröffnet. Mit der Verpflichtung, dass die Parks weiterhin gepflegt und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Und ihre Arbeit ist noch lange nicht getan. Ich verbleibe beeindruckt, sprachlos und inspiriert.

Die ersten Meter im Parque Patagonia: Mit unserem Haus auf Rädern tauchen wir ein in die Wildnis, wo ich gefühlt alle 100 Meter für ein Foto stoppen muss. Kein Wunder bei diesen Farben!

Die Nachbarn zu Besuch

Schon mal neben 3’000 Jahre alten Handabdrücken übernachtet? Nei? Mir scho! An einer Felswand unweit von unserem Schlafplätzli haben Ureinwohner mit roter und grüner Farbe ihre Handabdrücke hinterlassen. Weshalb der Spass? Sei Teil eines kulturellen Rituals. Zurecht fragt man sich: Grüne und rote Farbe anno dazumals, wie soll das gehen? Einfach Guanacofett und Eisenoxid zusammenbrauen. Und dann aufsprühen, indem man es durch einen Guanacoknochen bläst. Cool, nöd?!

Doch eigentlich sind wir ja zum Wandern hier in Villa Cerro Castillo. Am Horizont thronen sie schon, die spitzigen Felsen des gleichnamigen Cerro Castillos. Da wollen wir morgen hoch und drum ist frühe Bettruhe angesagt. Nur Domingo, unser Nachbar, dä haltät da irgendwiä nüt devo. Maximal angetrunken will er uns motivieren, ihn ins Dorf an eine Fiesta der Gauchos zu fahren. Klar doch, nichts lieber als einen besoffenen Fremden im Dunkeln off-road rumchauffieren. Ein Freudentänzli mache ich nicht wirklich, aber es könnte schlimmer sein. Also los gehts! Vamos! Nur Mitfeiern will ich auf keinen Fall, habe meine wilden Tanzerfahrungen von gerade kürzlich nämlich noch nicht verdaut. Zurück beim Nachtlager lässt Nachbar Nr. 2 – ebenfalls betrunken – nicht lange auf sich warten. He nei, bitte nöd nomal so eine. Der Typ nähert sich in gefährlich betrunkenen Stürchel-Schritten. Ich möchte unauffällig die Autotüren von innen schliessen und drücke die Zentralverriegelung. Vergesse natürlich, dass dann die ganze Karre nochmals in allen Regenbogenfarben aufleuchtet. Front- und Rücklicht sowie Innenraum erstrahlen in vollster Pracht. Top. Läuft. Einmal kurz die ganze Aufmerksamkeit auf uns gezogen: Hallo Nachbar!

Die Wanderung selbst ist dafür ein wahres Highlight. Ein Tag für die Geschichtsbücher. Sage und schreibe 36 Grad meint das Thermometer, der heisseste Tag des Sommers meint ein Chilene und endloses Schwitzen meine ich. Beim Trailhead gibts gratis Sonnencreme. In Patagonien, wo sonst genau gar nix gratis ist! Das muss was heissen. Und dann gibts noch einen dicken Ast als Wanderstock. Auch das muss was heissen. In der Tat gehts drei Stunden hoch, drei Stunden runter. So steil und lose, dass man beim Runterlaufen gleichlang kämpft, wie beim Hochkraxeln. Es isch würkli nöd ganz ohni. Der Flachländer müht sich einen ab, aber ich mache den Wanderschweizer: „Durähebä!“ Und es lohnt sich: Am Ziel lässt der Blick auf die eisblaue Gletscherlagune die Krämpfe sowie Schnappatmung sofort vergessen. Hier lässts sich aushalten. Zurück im Dorf ist die Gaucho Fiesta nach wie vor in vollstem Gange: Traditionell gekleidete Gauchos reiten auf tänzelnden Pferden durchs Dorf. Im Hintergrund weht die chilenische Flagge unter strahlend blauem Himmel. Bei lokalgebrautem Honigbier lagern wir die Füsse hoch und betrachten den Cerro nochmals von unten: Mol, es laht sich ushalte do. Pröstli!

Ein herrlicher Sommertag: Wenn nicht gerade eine Gaucho Fiesta herrscht, wirkt das Leben im kleinen Dörfli Villa Cerro Castillo ziemlich gemütlich. Nöd?

Über Daumen und Maté am Strassenrand

Gut gibts Autostöppler, sonst würde man sich zu zweit im Auto früher oder später wohl auf den Geist gehen. Spass bei Seite, aber diese spontanen Mitfahrer sind meist spannende Gesprächspartner. Auch heute, nachdem wir den hängenden Gletscher im Queulat Nationalpark erwandert haben, sichten wir ein paar geduldige Daumen am Strassenrand. Kurz den Blinker stellen, Scheibe runter und: „A dónde vais?“

Stellt sich heraus, dass der Deutsche mit seinen zwei argentinischen Freunden ins selbe Kaff will, wie wir. Aso guet! Wir müssen nur noch kurz (lang) die Rückbank umdisponieren, denn: Die grossgewachsenen Jungs reisen mit drei noch grössergewachsenen Rucksäcken. Plus Zelt, Schlafsäcken und einer halben Küche. Oh je. Endlich sind alle Türen zu, ohne dass irgendwas pfeifft oder blinkt. Drei Stunden lang führt die grausige Schotterpiste über einen Pass. Vermehrt fallen verzweifelte Sprüche, dass die Jungs bald das Auto hochschieben müssen. Unser Güütschi kommt echt kaum um die engen, steilen Kurven. Zum ersten Mal wundere ich mich, wieso genau wir keinen 4×4 gemietet haben?! Wenn ich grad keine Stossgebete sende, geniesse ich den Austausch von lustigen Geschichten, von Erfahrungen oder Tipps, was man in Patagonien noch so machen muss.

Langsam aber sicher schaffen wir es vorbei an weiteren Gletschern, bevor es mit Schuss wieder runter ins Tal geht. Ännet em Bergli fällt auf: Die Vegetation hat sich komplett verändert. Was vorher grün und tropisch war, ist jetzt goldgelbenen, halbtrockenen Feldern gewichen. Schneebedeckte Bergspitzen zieren den Horizont. Bald sichten wir schon den ersten Gaucho. Auf seinem Pferd treibt er eine Horde Kühe über die Weide. Wir laden die Jungs ab und zum Dank gibts am Strassenrand (typisch Argentinier) eine Runde Maté. So ein schönes Ritual! Fun Fact: Maté-Trinken ist auch Teil der Gaucho-Kultur. Und dabei wird nach strengen Regeln getrunken: So darf man niemals das Trink-Röhrli bewegen. Auch „Danke“ sagt man erst, wenn man gar keinen Maté mehr will. Und fertig getrunken ist erst, wenn das Röhrli ein offensichtliches Schlürf-Geräusch von sich gibt. Alläs klar?

Dann wollen wir bei einer nahgelegenen Farm Proviant aufstocken. Wir finden weder Brot noch Gemüse, dafür einen superherzigen Camping-Bauernhof. Und den Besitzer: Einen amüsanten, halbwegs betrunkenen Spanier. Der Liebe wegen sei er seit 18 Jahren hier, grölt er, will aber den ganzen Abend mit mir tanzen. Na bravo. Gemeinsam mit den anderen Gästen wird gegessen, getrunken und getanzt. International ist fast alles vertreten. So auch ein pensionierter Schweizer, der mit seinem Hund seit zwei Jahren im Camper durch die Welt reist. Der mittlerweile ziemlich betrunkene Spanier bettelt immer noch zum Tanz. Irgendwann gebe ich nach. Zu Volksmusik, die glatt aus der Schweiz kommen könnte, werde ich umhergeschwungen, bis mir dä Maté fascht obsi chunnt. Yiiha!

Ein neues Ökosystem: In der Aysén Region treffen wir plötzlich auf weite, trockene Felder und viele Pferde. Ein Vorgeschmack auf die patagonischen Pampas?