Über Stock und Stein

Zwanzig Kilometer pro Tag, drei Tage am Stück. So sieht er aus, mein Ruhefindungs-Trekkingtripvon Kalaw zum Inle-See. Und das bi gnadelosä 30 Grad plus. Wenig idyllisch hechle ich unserem Guide im Stechschritt hinterher. Stundenlang ziehen wir vorbei an (noch) trockenen Feldern, doch langweilig wird es nie. Wahnsinn, wie fruchtbar die Region ist! Bohnen, Chilis, Reis und Sonnenblumen – es wächst einfach alles. Frauen und Männer arbeiten knochenhart, von Traktoren und Maschinen keine Spur. Was der Mensch nicht schafft, macht der Ochse. Einige Männer zeigen uns, wie sie Bambuskörbe flechten. Dann passieren wir eine kleine, simple Zuckerrohr-„Fabrik“, geführt von einer Frau. Von wegen traditioneller Rollenverteilung! 

Die Bauern gehören meist zum Volk der Pa-O. Die auffälligen Turbane der Frauen zieren die Felder wie viele kleine Farbtupfer. Doch sie haben durchaus ihren Zweck: Nebst Schutz vor Sonne und hartnäckigem Sandgibt die Farbe Auskunft über den Beziehungsstatus der Trägerin. Öppe wie sMäscheli bim Dirndl. Wir dürfen in ihren Bambushäusern übernachten, wobei das Thermometer nachts auf etwa 15 Grad fällt. Manch einer schläft mit Strickmütze und Handschuhen, ich feiere die heimischen Temperaturen. Ändli kei Schweissusbrüch! Nur die eiskalte Dusche passt gar nicht ins Konzept. Obwohl „Duschi“ scho en rächte Euphemismus isch. Ohne Strom und fliessend Wasser bleibt mir einzig ein Brunnen mit Kübeli. Wie die sich so sauber kriegen, ist mir ein Rätsel. Ich sehe langsam aus, als hätte ich einen folgenschweren Selbstbräunerunfall gehabt, so tief hat sich der orange Sand in meine Haut eingenistet. Haare waschen? Ich scheitere kläglich. Dörfi bitte au son Turban ha?! 

Am Inle-See muessi zerst e Rundi d’Füess hochlagerä. Und heiss duschen. Eine Masseurin biegt mich noch zurecht, bevors gleich weiter auf’s Boot geht. Das Volk der Intha lebt nämlich auf dem Wasser. Auf Stelzen stehen Häuser und Handwerksbetriebe, wo man Silber schmiedet und Seide aus Lotusblüten spinnt. Das Fotosujet der Begierde sind aber die fischenden Einbeinruderer (Details siehe Foto). Doch der Schein trügt: Vieles zielt nur noch auf spendable Touristen ab. Die Authentizität der Region büsst ein oder muss gar neuen Resorts weichen. Immer wieder stelle ich mir die Frage, in welchen Massen der Tourismus hilft und wann es kippt? Doch mit Kleinigkeiten lässt sich Grosses bewirken: Übernachten im familiären Homestay oder essen, wo die Locals essen. Vor allem bei gehypten Destinationen lohnt es sich, ausgiebiger zu recherchieren. So kommt der Tourismus den Locals zugute und nicht nur den internationalen Investoren. Auch ich habe aufgrund der extremen Popularität der Trekkingtour bewusst eine kleine, teurere Agentur gewählt, die lokale Bauern unterstützt. Im Gegenzug durften wir eine Strecke abseits vom Touristenpfad gehen. Und es isch sowas vo mucksmüüslistill gsi. 

Was für ein Balanceakt: Um zu fischen, klemmen sich die Fischer das Ruder unter das eine Bein, mit dem Anderen balancieren sie auf der Nase des Bootes. So haben sie die Hände frei, um den Korb auszuwerfen. Dieser Fischer befindet sich aber schon auf dem Heimweg. Ob er was gefangen hat? 

Mingalaba Myanmar

Neues Land, neue Währung, neue Sprache. Der erste Tag in Myanmar steht unter dem Motto „Umgewöhnen“. Den Wechselkurs des Kyat in Kopf behalten und Höflichkeiten einprägen. Einige Brocken Burmesisch sind Pflicht. Grüezi, Hallo? Min-ga-la-ba! Cezu tin ba deh für Dankeschön. Ausgesprochen: Tsche-su-ba. Mol, das sött klappe. Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt: Warum Burmesisch, wenn sie doch in Myanmar ist? Genau, Myanmar. Alias Burma, alias Birma. Hä?! Myanmar hiess bis vor knapp 30 Jahren noch Birma, im Englischen Burma. Dann erzwang das Militärregime den Namenswechsel. Offiziell wäre es Myanmar, bis heute sind aber beide Bezeichnungen gängig. Vor allem wer ein Statement gegen die Unterdrückung setzen will, nennt es Burma. Aber etz fertig mit de Gschichtslektion.

Ich bin fürs Erkunden gerüstet und trete hinaus in die wuselige Stadt Yangon. Es erschlagen mich satte 39 Grad und beinahe ein unbekanntes Flugobjekt. What the hell? Jungs hechten dem geflochtenen Ball hinterher, kicken ihn tänzelnd durch die Luft. Ein Bein hier, ein Bein da. Sieht eher aus wie Kampfsport. Oder Ballett. Heissen tuts Chinlone: Ein uralter Volkssport in Myanmar. Noch viel beeindruckender scheint mir aber, dass der hochgekrempelte Longyi (traditioneller Wickelrock) trotz den Sprüngen an Ort und Stelle bleibt. Später lernte ich: Drunter trägt man(n) zusätzlich Shorts und manchmal sogar Unterwäsche. Sicher ist sicher. Auch die Frau trägt den Wickelrock mit Stil. Doch noch viel cooler finde ich ja das Thanaka. Aus Baumrinde und Wasser wird eine Paste hergestellt, die man sich ins Gesicht schmiert. Kreisli und Viereggli auf den Wangen oder gleich komplett flächendeckend. Warum? Weils hübsch aussieht und als Schutz vor der Sonne funktioniert. Aber auch zum Kühlen, gegen Hautalterung und gar zur Hautaufhellung. Selbstverständlich klatsche ich mir die Paste auch ins Gesicht. Sieht mit meinem nordischen Teint leider weniger ästhetisch aus. 

Den Longyi um die Hüften geschlungen, mache ich mich auf den Weg zur Shwedagon-Pagode. Dem Must-See in Yangon schlechthin. In Gold gehüllt thront der wichtigste Sakralbau Myanmars über der Stadt. Von Understatement keine Spur. Es isch würkli alles gold, was glänzt. Die Sonne reflektiert mir aus jeder Richtung nur so ins Gesicht rein. Mal kurz die Sonnenbrille runtermachen? Keine Option. Stattdessen suche ich mir ein schattiges Eckli, hocke mich zwischen die Menschen. Augen zu und den Gesängen lauschen. Oommmm. Endlich etwas Ruhe. Aber mir ist das immer noch nicht genug. Ich will die ultimative Stille. Logischerweise kann mir das eine Stadt mit über 10 Millionen Bewohnern auch nicht liefern. Ich sehne mich nach der Natur. Fernab von 4G und WLAN. Will nur noch meinen eigenen Atem hören. Oder miinetwäge echli Vogelgezwitscher. Spontan buche ich einen Platz im Nachtbus nach Kalaw, wo meine Wünsche hoffentlich in Erfüllung gehen werden. 

Früh übt sich: Eine junge burmesische Mutter im traditionellen Longyi besucht mit ihren Kindern einen buddhistischen Tempel. Die Wangen haben sie allesamt mit Thanaka bemalt.

Auf Wiedersehen, Indien!

Ich war am Ende. Am Ende meiner Zeit in Indien und beinahe am Ende meiner Nerven. Chan mich bitte öpper ine mucksmüüslistilli Isolationszelle beame?! Indien ist mit kilometerweitem Abstand das anstrengendste Land, das ich je besucht habe. Immer auf der Hut sein. Flexibel bleiben, denn auf Nichts ist Verlass. Pausenlos steht man unter Beobachtung. Diese unglaubliche Aufmerksamkeit kann man sich gar nicht vorstellen. Fotos hier, Selfies da. Jeder will ein Bild mit dir oder drückt dir gleich das Baby in die Hand. Ich beniide würkli kein Promi. Und dann wurde ich auch noch krank. Dehli-Belly. Läuft bei mir. Wortwörtlich. Aus allen Himmelsrichtungen. 

Indien fordert dich täglich. Aber auf jedes Tief, folgt ein Hoch. Früehner oder spöter. Hoch’s gab es einige: Sei es, als uns eine Ärztefamilie in Delhi zum grossen Sonntagsmahl einlud. In indischer Manier natürlich inklusive ganzer Sippschaft und dem verrückten Quotenonkel, der eine Räubergeschichte nach der anderen auf Lager hatteOder als in Jaipur ein ganz gefitzter TukTuk-Fahrer absichtlich den Verkehr blockierte, damit ich endlich (und ohne Nahtoderfahrung) über die Strasse hechten konnte. Wie herzig isch das dänn! In Rajasthan lud uns das Dorfoberhaupt gar spontan zu einer Hochzeit der „Krieger”-Kaste ein, was mit jeder Menge Schnäpsle und einem geschenkten Turban auf dem Kopf unseres Kollegen endete. 

So richtig auf Tuchfühlung ging’s aber in den Nachtzügen. Eines meiner allerliebsten Erlebnisse. Man beachte, dass wir mit Hinz und Kunz in der allerbilligsten Reiseklasse unterwegs waren. Unsere Rucksäcke verwandelten sich in ein mit Sicherheit ziemlich bequemes Bett für eine Mami und ihren Sohn. Garantiert bequemer als euse Brätterverschlag. Kinder und Erwachsene quetschten sich zu uns, von Berührungsängsten keine Spur. Von Schlaf genauso wenig. Wir tranken Chai-Tee mit den Familien, sangen Lieder mit einer lustigen Studentengruppe und kriegten von allen Seiten viel zu süsse Gebäcke geschenkt. Zu Spitzenzeiten horteten wir mindestens 15 Personen auf 6qm auf drei Etagen. Sharing is caring. In jeder Hinsicht. 

Rückblickend ist Indien das eindrücklichste und abgefahrenste Land meiner kompletten Reisehistorie. Doch kein Steinhaufen, kein Lassi und keine bemalten Elefanten hätten mir die indische Kultur und Gesellschaft jemals näherbringen können, als die Menschen höchstpersönlich. Unzählige Leute aus den unterschiedlichsten Schichten, die offen und neugierig genug waren, uns anzusprechen und sich auszutauschen. Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken! Ich will unbedingt zurückkehren, andere Städte und die Bergregionen bereisen, mehr über den Hinduismus lernen, mich in eine unmögliche Yoga-Asana falten lassen, fleissig mit dem Kopf wackeln, meditieren bis mir der Hintern schmerzt und Paneer Tikka Masala mit Garlic Naan essen, bis es mir zum Hals raushängt. Namaste India. 

Zwei Freunde auf dem Heimweg: Der Austausch mit der Lokalbevölkerung Indiens ist erstaunlich leicht, da erstaunlich viele sehr gutes Englisch sprechen. Vor allem die Jugendlichen und Kinder lassen sich keine Chance entgehen, ein paar Worte mit den Touristen zu wechseln und wie wild zu kichern.

Nichts für schwache Nerven

Kaum eine Stadt polarisiert so sehr wie Varanasi. Die einen lieben sie, andere hassen sie. Sie ist eine der ältesten Städte Indiens und zweifellos ein höchst spiritueller Ort für Hindus. So sind zahlreiche steinerne Treppenstufen entlang des Ganges, die Ghats, Schauplatz unglaublicher Vorkommnisse. “Varanasi ist die Stadt Shivas, eine Stadt der Kunst!”, erklärt uns ein Hippie im Wollponcho. “Ihr habt Glück, ihr tüpft gerade das grosse Shiva Festival Maha Shivratri!” Bitte was? Perfekts Timing! 

Übermütig tauchen wir in das enge Gassen-Labyrinth ein, welches Old Delhi in nichts nachsteht. Nur hat es hier mehr Kühe. Und andere Kuriositäten. Und kranke Menschen. Und Flüssigkeiten. Eimal meh bini froh um mini Sneakers. Es wird verkauft, gebetet und meditiert. Man dekoriert Shiva Figuren und Lingams mit Blumen, Schmuck und Glitzer. Jawohl, der Lingam, ein Stein in Penisform, ist ein Symbol Shivas und omnipräsent. Ab und zu passiert man einen Guru im Schneidersitz, der eine Kobra heraufbeschwört. Min Horror. An jeder Ecke verzaubern Künstler mit Musik und manch einer wird beim Lauschen der ausserirdischen Klänge gar in Trance versetzt. Plötzlich finden wir uns inmitten wildtanzender Inder wieder. Eine ausser Rand und Band geratene Parade zieht zu Ehren Shiva’s mit dekorierten und bemalten Elefanten durch die Stadt. Begleitet von dröhnendem Bollywood-Techno. Nüt fürs Trommelfell.

Und nicht zu vergessen: Bhang Lassi. An jeder Ecke fliessen raue Mengen des giftgrünen Gesöffs mit Mandeln und – hört hört – Marihuana. Shiva ist schliesslich auch der Gott des Ganja. Vom zwölfjährigen Bub bis zum achtzigjährigen Opa trinkt jeder mit. Völlig legal imfall. 

Aber Varanasi eilt ein ganz anderer Ruf voraus. Kurz und schmerzlos gesagt: Hier hin kommt man, um zu sterben. Jawohl, richtig gläse. In Varanasi bestattet zu werden, ist für Hindus der einzige Weg, um aus dem Prozess der Reinkarnation auszubrechen. Asouf direktem Weg is Nirwana. Weshalb wir plötzlich so vielen Kranken begegnen, ist jetzt auch klar. Nebst dem üblichen Reizüberfluss sind diese Anblicke nicht immer einfach zu verdauen. Noch viel verrückter sind aber die allgegenwärtigen Bestattungsprozesse: Leicht bedeckt werden Verstorbene, begleitet von einem musikalischen Trauerzug und den männlichen Familienangehörigen, auf Baren durch die Gassen getragen. Da hani doch es paarmal leer gschluckt. Am Bestattungs-Ghat werden sie öffentlich verbrannt. Man will nicht hinschauen, kann aber irgendwie auch nicht wegschauen. Ein Teil der Asche wird am Ende der Zeremonie in den Ganges gestreut. Dort, wo wenige Meter flussabwärts Tausende ein „von Sünden reinigendes Bad“ nehmen. Und nein, ich habe mich nicht in die braune Suppe getraut. So viel Abentüürgeischt han selbst ich nöd.Nur zwei unserer Jungs haben sich das heilige Bad gegönnt. Man munkelt, dass sie daher anschliessend mit Flüssigkeitsverlusten in beiden Richtungen zu kämpfen hatten.

Völlig duregnudlet sassen wir 48 Stunden später im Nachtzug nach Rajasthan. Was zur Hölle haben wir da gerade erlebt?! Nur die Flasche Bhang Lassi zwischen unseren Fingern zeugte davon, dass wir uns das alles nicht eingebildet haben. Weshalb Varanasi polarisiert, ist nun jedem klar. Und ich für min Teil weiss jetzt, wo ich hi gahn, falls es mir us unbekannte Gründ doch no vor me nächste Läbe als Ameisi fürchtet.

Hier geht was: Tagsüber nimmt man am Dashashwamedh Ghat ein “reinigendes” Bad, wo abends Tausende den Tänzen, Klängen und Feuershows der Zeremonie zu Ehren des Ganges lauschen.

Auf den Spuren der Mogule

Wusstet ihr, dass der grösste Teil Indiens vor nicht allzu langer Zeit unter muslimischer Herrschaft stand? An mir ging dieser Teil der Geschichte komplett vorbei. In Agra lerne ich aber bald, dass wir die meisten prunkvollen Bauten im Norden Indiens der Ära des Mogulreiches zu verdanken haben. So nämlich auch das weltberühmte Taj Mahal. 

Wir schnappen uns für das Taj Mahal sowie für dessen Nachbar, das Agra Fort, einen lokalen Guide. Es söll sich ja au lohne, bi 40 Grad dur d Weltgschicht z’stampfe. Noch nie habe ich bei einer Tour so aktiv zugehört, denn der ultrabreite indische Akzent unseres Guides fordert meine vollste Konzentration. Der Bhaiya (Hindi für “Bro”) hat uns sehr authentisch dargestellt, wie die Menschen damals lebten. Vor meinem inneren Auge sehe ich regelrecht, wie der Shah mit seinem Harem sauniert. Auch die durchdachte Architektur ist höchst spannend: Wir bestaunen die Vorgänger einer Klimaanlage sowie einer heissen Dusche. Sonnenlicht, Windkanäle und Materialien wurden superschlau eingesetzt, sodass es an Komfort kaum fehlte. Da frög ich mich mängisch echli, wieso ich denn hützutags uf Reise so oft no muess iiskalt dusche?

Mich beeindrucken aber vor allem die Wucht an Verschnörkelungen und der exzellente Zustand der Gebäude. Soweit das Auge reicht, treffen farbige Verzierungen auf edlen weissen Marmor. Sprachlos bin ich aber nicht nur ab deren Schönheit: Während ein Gebäude aus dem 17. Jahrhundert noch heute imposanter nicht sein könnte, leben rund herum Millionen von Menschen in traurigsten Verhältnissen. Man vergleiche Old Delhi mit dem Taj Mahal. Das Wort “Zerfall”, welches in der Geschichte oft mit dem Untergang dieser Grossreiche verbunden wird, hat für mich definitiv eine neue Bedeutung erhalten. Hätte uns der Shah damals geglaubt, wenn wir ihm einen Einblick in die Zukunft gestattet hätten? Auf einer Reise durch Indien ist es fast unvermeidlich, sich täglich den Kopf über solche Fragen zu zerbrechen.

Mittendrin statt nur dabei

Old Delhi ist genau das, was man (und an vorderster Front die besorgten Eltern) sich unter „Indien“ vorstellt: Viel zu viele Menschen auf engstem Raum, urälteste Gebäude und ein Stromkabelsalat kurz vor dem Totalkollaps. Der Boden bedeckt mit Flüssigkeiten, deren Ursprung ich bis heute verdränge, und Abfallhaufen aller Art. Nüt schöns. Stundenlang schlendern wir durch die engen Marktgässli des „Chandni Chowk“. Obwohl „schlendern“ die Szenen etwas zu sehr romantisiert. Eher en Slalomlauf im Stächschritt. 

Es herrscht wahrlich ein Bürgerkrieg der Verkehrsmittel: Fahrradrikscha, TukTuk, Roller und Fussgänger mit oder ohne Schubkarre. Alli gäge alli. An gemütliches „Schlendern“ ist nicht zu denken. Innerhalb von einer Sekunde mutiert eine entspannte, farbenfrohe Marktgasse in einen lauten, explodierenden Stau mit bellenden Menschen und hupendem Allerlei. Wer im ganzen Puff feststeckt, steckt fest – und zwar so lange, wie das in Indien halt dauert. Da redi us Erfahrig. Selbst wenn sich die Bewegungsfreiheit ganz offensichtlich unter Null befindet, probiert jeder noch irgendwie zu würgen und hupt wie ein Verrückter. 

Trotz den teils traurigen Zuständen und entgegen einer Unmenge an Vorurteilen, die aus meinem Umfeld auf mich einprasselten, begegnet man uns meist freundlich und oft ganz verlegen. Als sich unser Kollege mitten in einem Gässli die Haare von einem Herrn (70+) rasieren lässt, haben wir mit etwa 15 Schaulustigen ein riesen Chäferfäscht. Und das trotz Sprachbarriere und kleinerem Kulturschock beider Parteien: Wir schlucken kurz leer, als wir den Rasierer aus der Steinzeit sahen. Vowäge Hygienestandards und so. Der Herr hingegen traut sich kaum, Hand am „weissen Jungen“ anzulegen. Schlussendlich gibt’s aber ein ganz stolzes Foto mit Handschlag für’s Familienalbum. Solche persönlichen Interaktionen geben den Bewohnern von Old Delhi ein Gesicht und zeigen mir, wie unfair Vorurteile gegenüber einer ganzen Nation sind.

Welcome to India!

Thiruvananthapuram – meine erste (süd)indische Destination. Und ich chan mer si bis hüt nöd merke. Gar nicht überraschend war ich die einzige westliche Touristin an Bord des Flugzeugs aus Colombo. Beim Gepäckband erspähte ich meinen Rucksack sofort zwischen zig Kartonpäckli. Jawohl, die Inder gehen gern Shoppen und lassen sich ihre Errungenschaften im Päckli heimfliegen. Vor der Situation am Flughafen graute es mir schon länger ganz latent, so bereitete ich mich seelisch auf ein Sodom und Gomorra an Taxifahrern vor: Hello Miss! Taxi Miss! Tuktuk Miss! Transport Miss! Accomodation Miss! AAHHH!!

Dann die grosse Überraschung: Weit und breit kein Mensch. Das ist wohl der Vorteil, wenn man eine kaum touristische Destination anfliegt. Kerala erschlug mich einzig mit verblüffender Sauberkeit und blühendster Natur. Die farbenfrohen Dörfer sind belebt und es riecht überall nach Zimt. Die Strassen werden saniert, bis den fleissigen Arbeitern die Flipflops im heissen Teer wegschmelzen. Ohni Witz, de armi Maa het langi Fäde zoge! 

Mich hingegen zog es nach Varkala, der kleinen Schwester von Goa. Ein Hippieparadies, wie es im Bilderbuch steht: An jeder Ecke gibt es Yoga, Jesussandalen, Jesusfrisuren und überhaupt Jesusse. Seit mer dem so?! Ich unterhielt mich stundenlang mit Aussteigern und Typen auf dem Selbstfindungstrip und habe mich von einem Yogaguru mit Turban zusammenfalten lassen.

In Alleppey erkundete ich die berühmten Backwaters, ein riesiges Labyrinth aus Seen, Flüssen und verwinkelten Kanälen. Mit einem kleinen Kanu drangen wir tief ins Kanal-Wirrwarr vor, wo sich das Leben der Bewohner noch immer rund ums Wasser abspielt: Zähneputzen, Wäschewaschen und nebenan ein paar Lebensmittel anbauen. Entlang des Ufers rennen Kinder zur Schule, man repariert Boote oder verkauft Bananen und frischgepressten Zuckerrohrsaft. Kerala war in vielerlei Hinsicht süss und bot mir ein sanftes „Indien für Einsteiger“, das ich gut gebrauchen konnte.

Kontrastreiches Kerala: In den Backwaters scheint die Zeit stillgestanden zu sein, oft gibt das Holzpaddel eines Kanus noch den Takt an. Gleichzeitig besticht Kerala mit einem guten Bildungssystem und weist die höchste Alphabetisierungsrate Indiens vor.

Vom Bambus bis zur Betelnuss

Pflichtbewusst bin ich die obligatorischen 5’000+ Treppenstufen zum Adam’s Peak hochgeklettert. S’Füdli und d’Wädli händ die Aktion weniger gschätzt. In Ella tänzelte ich über die schwindelerregenden Viaduktbögen der Nine Arch Bridge und im Udawalawe Nationalpark erspähte ich Elefanten und etwas ungewollt auch ein Krokodil, das einen Affen verspeiste. Natur pur gäll.

Ich ass gefühlt eine Tonne Kottu Roti und surfte im indischen Ozean. Sri Lanka bietet so viel! Doch am liebsten beobachtete ich Alltägliches abseits der Touristenpfade: Ältere Herren radeln selbst mit Sarongs flotter auf ihren Eingängern, als ich es mit einem Röckli je könnte. Drahtige Männer schultern sechs Meter lange Bambusstämme durch die Gegend. Immer schön de Chopf izieh bi Kurve und Chrüzige! Denn Bambus ist auf jeder Baustelle als Gerüst im Einsatz.

Kokosnüsse fallen mit einem dumpfen „Plopp“ von den Palmen. Strassenhunde wedeln durch die Gegend und die Büsi’s sind nicht weniger divenhaft als Zuhause. Es wird überall fleissig gewerkelt, der Standard ist einfach, aber recht sauber. Klar, kein weisses T-Shirt bleibt weiss, aber das ist halt so mit dem Sand und inexistenten Abgasfiltern. Frauen hingegen trifft man verhältnismässig seltener. In den Bussen oder auf den Strassen begegnet man meist Männern. Als weisse, alleinreisende Frau habe ich durchgehend starrende Blicke und viele Fragen auf mich gezogen. Nöd nur einisch hends mi welle verhürate. Schlechte Erfahrungen habe ich aber zum Glück nie gemacht.

Gegraust hat’s mir einzig vor der Betelnuss. Sie ist omnipräsent und wird mit Kalk zerkaut. Simple Alltagsdroge mit grösstem Suchtpotential. Hat man fertig gekaut, wird gespuckt. Viel gespuckt. Es scheint extra cool zu sein, wenn man den rotgefärbten Chöder von ganz weit unten hochzieht und mit allen Kräften rausspudert. Eifach uh mega grusig! Gut wusste ich damals noch nicht, dass ich das Gespuder anschliessend auch in Indien und Myanmar nicht loswurde.

Idyllisches Alltagstreiben: Vieles findet rund um den (meist nur halbfertig gebauten) Kiosk statt: Männer in Sarongs kaufen Roti-Snacks, Betelnuss und Alltagsgegenstände oder laden ihr pre-paid Handy auf.

In Slowmotion durch’s Hochland

Glaubt man jedem existierenden Reiseführer, so muss man in Sri Lanka vor allem eines: Zugfahren! Die Strecke von Kandy nach Badulla sei die Schönste der Welt. Google bestätigt die Gerüchte. Aber me söll ja no lang nöd alles glaube, was Google seit, odär? 

Es war klar, dass wir uns das selbst anschauen wollten. Beim Einsteigen kämpften wir kurz aber heftig gegen gackernde Touristen: Drängeln, schupfen, meckern und überhaupt. Inhale, exhale. Ist man endlich drin und hat es sich am Boden gemütlich gemacht, wird man vom neu gewonnenen Freiheitsgefühl regelrecht erschlagen. Ein Platz an der offenen Türe, die Füsse baumeln aus dem fahrenden Zug, der Wind weht frisch (und ausnahmsweise fast abgasfrei) ins Gesicht. Einziges To Do: Immer schön schauen, dass da keine enge Tunnelwand kommt!

Zum Glück ist der Zug nur in sportlichem Schritttempo unterwegs, daher kein Grund zur Sorge. Frischfröhlich tuckert man stundenlang vorbei an endlosen Teeplantagen, durch Palmenhaine und über schwindelerregende Viadukte. Grün, grün, alles grün soweit das Auge reicht. Hier ein Dorf, da ein paar winkende Menschen und lachende Kinder. Dort ein paar Affen, da eine Kuh und gar ein Elch. What? Ja, Elche in Sri Lanka!

Der Zug passiert nämlich das nebelige Hochplateau der Horton Plains, wo Flora und Fauna stark an Skandinavien erinnern. Die Stimmung ist gelassen: Die einen singen, die anderen spielen Karten und der Rest schläft. Alle paar Minuten schreit einer „Peanuts! Peanuts!“ oder „Rice! Rice!“. Es werden leckere und deutlich weniger amächelige Snacks verkauft. Ich habe alles Mögliche (und Unmögliche) gegessen und in ganz Sri Lanka keine einzige Magenverstimmung aufgelesen. Also unbedingt dureprobiere – was ässbar usgseht, isches meistens au!

In einem Zeitalter, in dem Social Media vieles romantisiert und hochjubelt, ist diese Zugfahrt meiner Meinung nach kein bisschen überbewertet. Noch nie habe ich sechs Stunden lang so gern aus dem Fenster geschaut.

Bahnhofstimmung mal anders:
Ein Erdnüssli-Verkäufer sprang locker aus dem tuckernden Zug, während dieser den wohl gemütlichsten Bahnhof der Welt passierte.
 

Schweissperlen in Sri Lanka

Dieses Foto schoss ich an Tag Zwei meiner Reise. Jungfräulich setzte ich mich zum ersten Mal als einzige Touristin in einen lokalen Bus in der Pampa Sri Lankas. Die übergrosse Aluminiumdose auf Rädern mit Alteisen-Charakter ist das von den Locals am fleissigsten genutzte Transportmittel und war für mich daher ein Muss!

Während der Fahrt konnte ich mich von den Adrenalinkicks kaum erholen: Wäre ich nicht so nahtlos zwischen all meinen Mitfahrenden eingepfercht gewesen, hätte mich garantiert eine der Von-100km/h-auf-Null-Vollbremsen eher früher als später aus dem Sitz katapultiert. Mein körpereigener Wasserhaushalt dankte den fehlenden Türen und Fenstern für den Durchzug und ich verliess mich im Hinblick auf den Fahrstil unseres Chauffeurs sowieso ganz auf Buddha. Dieser sass tiefenentspannt inmitten von farbenfrohen Girlanden neben dem Lenkrad und hatte dort durchaus seine Daseinsberechtigung.

Das Ganze mutierte spätestens dann zum totalen Party-Bus, als ein junger Mann mit einem klapprigen Mikrofon einstieg und Töne von sich gab, die sicher nicht für das menschliche Ohr gedacht gewesen wäre. Meine Mitreisenden schienen da anderer Meinung zu sein und johlten lautstark mit. Aber hey, bi CHF 1.- für es vierstündigs All-Inclusive-Programm chame aso nüt säge! Selbst um mein bleiches Wintergesicht musste ich mir keine Gedanken mehr machen, verpasste mir der Abgas-Durchzug einen gut geschwärzten Teint. Leider hani säb erst am Abig vorem Spiegel gmerkt.

Mittlerweile sind über vier Monate vergangen und solche Erlebnisse gehören zur Normalität. Meist bin ich jedoch nicht weniger aufregend mit dem Roller unterwegs, denn dem verrückten asiatischen Fahrstil habe ich mich längst angepasst. Ich hupe mittlerweile garantiert öfters, als ich bremse. Zudem hat sich für mich herausgestellt, dass ich so bald nicht in die Schweiz zurückkehren werde. Darum freut es mich umso mehr, dass ich euch hier ab sofort wöchentlich auf Reisen mitnehmen darf.